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01.11.2022

Im Gedenken an Rolf Kühn 

by Steffen Pohle
by Steffen Pohle

Der in Leipzig aufgewachsene Klarinettist und Komponist Rolf Kühn hat die Entwicklung des deutschen Jazz und dessen internationalen Ruf maßgeblich mitgeprägt, ja geradezu verkörpert.  

Als Instrumentalist entwickelte er eine eigene künstlerische, nicht nur an artistischer Spielweise orientierte Ästhetik zwischen verinnerlichter warmer Tongebung, strahlkräftig phantasievollem Ausbrechen und vollendeter Reife. Partnerschaftlichkeit, respektvolle Generösität und natürliche Menschlichkeit kennzeichneten seine Begegnungen, auch in  seiner Nähe zum Publikum. 

Sein frühes musikalisches Talent wurde nach 1945 durch die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierende Pianistin Jutta Hipp, die später die New Yorker Szene der 1950er Jahre beeindrucken sollte, vom Gewandhausmusiker Hans Berninger zum ihn faszinierenden Jazz geleitet. Nach den Restriktionen des Naziregimes gegenüber seiner jüdisch-stämmigen Familie war dies zugleich ein befreiendes Ausbrechen aus gewohnten Strukturen. Schnell wurde er zu einem der Protagonisten des aufblühenden Jazzlebens in Leipzig: Swingen im Römischen Haus am Peterssteinweg, Jammen im Lime City Swing Club mit Gitarrist Thomas Buhé und Henri Passage am Tenor, erste Aufnahmen auf Acetatplatten. Dann Start als Berufsmusiker bei Kurt Henkels in einer der damals wohl führenden europäischen Bands, bevor ihn drohende Bevormundungen gen Westen gehen ließen. Saxophonist im Rias-Tanzorchester, erster Klarinettist bei Benny Goodman und Tommy Dorsey, Einspielungen mit Oscar Pettiford,… 

Für Leipzig unvergeßlich bleibt Rolfs umjubelte Wiederkehr 1965 mit Michal Urbaniak (sax), Klaus Koch (b) und Czesław Bartkowski (dr) als er zudem erstmals Bruder Joachim auf die große Bühne rief. Es folgten die sensationelle Amiga-LP »Solarius« und die von ihm über den Friedrich-Gulda-Wettbewerb Wien raffiniert-hintergründig eingeleitete endgültige Ausreise von Joachim, die dessen 1967 in New Port beginnende Weltkarriere in die Wege leitete.  

Seine Auftritte bei den hiesigen Jazztagen nach dem Leipziger Herbst 1989 waren allesamt Festivalhöhepunkte: 1992 das Gipfeltreffen in Joachims Lieblingsformation mit Jean-François Jenny-Clark (b) und Daniel Humair (dr) sowie Konrad Bauer (tb), 2014 das brüderlichen Duo mit Joachim in der Michaelis-Kirche sowie 2016  zum Vierzigsten als in der Kongreßhalle die Jubiläumsband »Home Again« die europäische Elite vereinte. Ebenso denkwürdig war, wie er achtzigjährig beim Leipziger Bachfest 2009 sich mit jugendlichem Elan in die Formation TRI-O einreihte und dabei einen der ersten Gewinner des Leipziger Jazznachwuchspreises Ronny Graupe zu virtuosen Gitarrenhöhenflügen animierte. 

Schon im 93. Lebensjahr stehend, griff Rolf Kühn noch täglich voller Tatendrang zu seinem geliebten Instrument. Sein von manchem erhofften Auftritt zum Hundertsten wird es  nun leider nicht mehr geben können. Eine Ehrung des unvergleichlichen, Maßstab bleibenden Sympathieträgers des deutschen Jazz durch ein Jubiläumskonzert früherer Mitstreiter wäre dann jedoch ein würdiges Vorhaben! 

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