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Vagabond Souls by Lukas Diller
Vagabond Souls by Lukas Diller

»Vagabond Souls« ist das neueste Projekt des dauerfleißigen Komponisten und Saxofonisten Johannes Ludwig. Die Truppe nimmt das Publikum in Horns Erben mit in einen Jazz-Kosmos voller Lässigkeit. 

Das Wort »Vagabund« kommt vom lateinischen vagari und heißt »herumschweifen«, »bummeln«. Neben der geläufigen, eher negativen Konnotation hat es also noch eine freie, losgelöste Bedeutung. Ohne Umschweife legt die Band dann auch los und macht klar, warum sie die »Vagabond Souls« sind: Die Musik lädt zum (tatsächlichen oder mentalen) Umherdriften ein. 

Ludwigs Saxofon- und Heidi Bayers Trompetenspiel ergänzen sich hervorragend. Es sind aber vor allem die Gitarren von Schipmann und Brämswig, die einen aus dem tiefen Cooljazzsessel heben und in den gut gepolsterten Cadillacsitz verfrachten, einem einen kalten Old Fashioned in die Hand drücken und die kalifornische Küste entlangcruisen lassen. Eine großartige Hommage an die 70er Jahre: Sonnenbrille auf und Schlaghose an. Mühelos fliegen die Musiker:innen durch die Takte und nehmen das – leider teilweise etwas lethargische – Publikum weitestgehend mit. 

Nach dem ersten Stück begrüßt Ludwig die Zuhörer:innen, die den Saal fast komplett füllen und zeigt sich sichtlich erfreut über das rege Interesse. Er erzählt eine Anekdote über seinen letzten Auftritt in Leipzig, bei dem unter anderem die Hälfte der Drums fehlte – ein Glück für uns, dass heute alles da ist. 

Das Soundbild wechselt nach den ersten beiden Songs. In »Green Wild« liegt der Fokus klar auf den Bläsern. Lisa Wulff tauscht den E-Bass gegen einen Kontrabass, wodurch es auf der Bühne sowohl platztechnisch als auch musikalisch noch etwas kuscheliger wird. Unterstrichen von einer warmen, smoothen Bassline ergänzen die beiden Bläser ein zurückhaltendes Schlagzeug. Es fühlt sich an, wie auf Codeinwolken im Sonnenschein über eine Alpenwiese zu schweben. Das Publikum applaudiert nach Ende des Stücks leicht verzögert, wie im Rausch.

Es folgt das bereits 2014 komponierte »Sing«, das es nach Ludwigs eigener Aussage vorher nie auf eine Platte geschafft hat. Vielleicht wäre das auch in Ordnung gewesen. Zu verschnörkelt die Bläser, die Melodien bleiben etwas blass. Doch das phänomenale Gitarrenspiel tröstet darüber hinweg. Dann folgt wieder mehr Struktur und Drive. 

»Fatigue is an Asshole« ist eine Kampfansage an die Covid-induzierte Müdigkeit, die viele immer noch quält. Ludwig und Bayer feuern dynamische Melodien, die gemeinsam klingen, sich entzweien und dann wieder zueinander finden, ohne den Fluss jemals zu unterbrechen. Alex Parzhubers komplexe und akkurate Drumpatterns liefern klare Linien dazu. Von Müdigkeit im Publikum keine Spur mehr: Zwischenapplaus ertönt nach starken Sequenzen.  
Nicht alles klingt nach smoothen Drinks und Rausch: In zwei Stücken zeigt die Band ihre ganze Bandbreite. Metallmäßige Gitarrenriffs zusammen mit Saxophonmelodien, die an James-Bond-Soundtracks erinnern in »Exposures« sowie ruhigere Töne, die zu dadaistischem Lärm eskalieren in »Interference«. Dann ist es vorbei, scheint es. Die Band kommt nochmal für eine Zugabe auf die Bühne geschlendert. Und im letzten Stück zeigt der Chef nochmal, was er kann. Begleitet von Funkriffs, die an John Frusciante erinnern, schießt er verspielte Melodien raus, die auch wieder für Zwischenjubel sorgen. Nach etwa einer Stunde ist das Konzert vorbei, die zweite Show der Band folgt unmittelbar darauf auf derselben Bühne. Für das anwesende, gelöste Publikum endet die Reise hier.

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