Thema

Zukunftsmusik als Momentaufnahme

Der Duden definiert Zukunftsmusik als „etwas, dessen Realisierung noch in einer fernen Zukunft liegt, das noch als utopisch angesehen werden muss“. Folglich ist sie kein Ergebnis, kein Werk, kein Ende, sondern immer nur eine Andeutung, eine Ahnung, ein angestoßener Prozess, der sein Ziel eher postuliert als kennt. Aber woher kommt diese Redewendung und vor allem: woher stammt ihr Bezug zur Musik?

Der Begriff ‚Zukunftsmusik‘ taucht erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts auf – tatsächlich im Zusammenhang mit Musik, „nämlich etwa einer solchen, welche, wenn sie jetzt auch schlecht klänge, mit der Zeit sich doch gut ausnehmen würde.“ Der Begriff ‚Musik der Zukunft‘ war ab 1847 verbreitet, als vor allem Chopin, Liszt und Berlioz als Zukunftsmusiker galten. Das Wort ‚Zukunftsmusik‘ kommt nachweislich zum ersten Mal in einem Brief von Louis Spohr vom 26. November 1854 vor, und in der Zeitschrift ‚Signale für die musikalische Welt‘. Dort heißt es 1856 in einem Bericht über Liszts Berliner Konzert: „Wenn man mit einem Wort sagen wollte, worin eigentlich das Wesen dieser Zukunftsmusik besteht…“. Zur Verbreitung des Begriffs hat jedoch kaum jemand mehr beigetragen als Richard Wagner, der sich zunächst massiv gegen die Spottbezeichnung seiner Werke als ‚Zukunftsmusik‘ wehrte und dann in seiner Broschüre »Zukunftsmusik« den Begriff positiv umdeutete, indem er nach einer kurzen Geschichte der Oper seinen eigenen Weg erklärte und rechtfertigte (1861 in Leipzig erschienen als offener Brief »An einen französischen Freund als Vorwort zu einer Prosa-Übersetzung meiner Operndichtungen«).

Das ist Leipzig

Der Begriff ‚Zukunft‘ spielt in unserem Leben eine wichtige Rolle. Kaum ein gesellschaftliches Thema kommt ohne Verweise auf die Zukunft aus. Von ‚Zukunftsfähigkeit‘, ‚Investitionen in die Zukunft‘ und ‚Zukunftskompetenz‘ ist die Rede. Dabei bleiben die Ideen von Zukunft stets Fiktion, denn sie ist ja noch im Werden, eine Erzählung. In ihren Narrativen offenbaren sich Entwürfe der Gegenwart. Nach den Brüchen des 20. Jahrhunderts haben sich die großen Erzählungen einer utopischen Zukunft jedoch weitestgehend verbraucht. Vor diesem Hintergrund sind Zukunftsentwürfe in unserer heutigen Welt häufig fragmentarisch und unvollständig – und aus der Angst geboren. Trendforscher wittern ein Geschäft. Sie bauen große Erzählfabriken, in denen sie unsere Überforderung in der Gegenwart mit kleinteiligen Angsthäppchen verstärken. Negative Zukünfte haben großen Aufmerksamkeitswert und versprechen Deutungsmacht. Dystopische Elemente beginnen zu dominieren. Der Publizist Matthias Horx spricht von der Übertreibungssucht ins Negative, von einem „Immerschlimmerismus“.

Die Zukunft ist ein umkämpftes Feld. Dieses Feld darf nicht nur denjenigen überlassen werden, die von der Zukunft erzählen, um ihr Lieblingsbild von der Vergangenheit wieder aufhängen zu können. Auch nicht denjenigen, die mit Dystopien eine Überlegenheit des vermeintlich Wissenden behaupten. Wie anders wäre eine Welt, in der Zukunft als ein offenes Projekt erscheint, als eins, das eine Vielfalt von Erzählungen bereithält und zulässt, ohne diese mit einem aufbauschenden Daueralarmismus im Keim zu ersticken? Eine Zukunft mit offenen Türen, eine Zukunft des Möglichen.

Jazz ist von jeher eine Musik des Offenen – das Prozessuale ist Teil seiner DNA, die fortlaufende Entwicklung, das permanente Ausdifferenzieren. In welcher Kunstform sind in den letzten einhundert Jahren so viele kontrastierende und doch auf einander bezogene Stile entwickelt worden? Jazz schafft aus Altem Neues, bringt Künstler hervor, die auf der Suche sind und einen neuen Ausdruck provozieren, sodass die Jazzszene heute so bunt und mannigfaltig wie nie zuvor erscheint.

Wird Jazz nach wie vor durch klassische Techniken wie Improvisation, durch die Nähe zur afroamerikanischen Tradition und die Spontaneität im Austausch zwischen Musiker und Publikum charakterisiert, so wird vor dem Hintergrund dieser Vielfalt die Bedeutung von Jazz als Haltung immer deutlicher. Eine Haltung, die ihrem Wesen nach emanzipatorisch ist, Türen aufstößt, nach vorn drängt, an morgen glaubt und damit Zukunft entwirft.

Es geht also darum, offen zu bleiben, selbstkritisch zu sein in Bezug auf ästhetische Fragen und nach Neuem in Bereichen zu suchen, die einem nicht unbedingt vertraut sind.

Adam Harper, Musikwissenschaftler aus Oxford

Diese Haltung ist es, die Jazz zukunftsfähig macht, aller antizipierenden Nachrufe zum Trotz. So global sich der Jazz entwickelt hat, seine Kernbotschaft wird immer jene sein, die zuerst von Afroamerikaner postuliert wurde: Jazz heißt nicht nur „Be yourself“, sondern auch „Free yourself“.

Jazz ist eine Musik der Gemeinschaft, des Miteinanders, Teilens und Verhandelns. Dieser partizipative Impetus bringt bis heute eine Qualität in die Musik: die Ton und Rhythmus gewordene Idee von Gleichberechtigung, Würde und Freiheit. Einst war diese Idee gänzlich neu, an ihrer Aktualität hat sie bis heute nichts verloren. Mehr denn je streiten Gesellschaften über genau diese Themen. Jazz vermittelt uns gleichsam ein Bild einer idealen Gemeinschaft. Das ist das Utopische am Jazz. Es ist nicht erreicht. Es ist und bleibt Zukunftsmusik.

Idee, Illustration, Animation © Stefan Ibrahim / Musik: Brigade Futur III

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