Thema

BODY TImE Der Menschliche körper im fokus

Mit den 45. Leipziger Jazztagen »Body Time« rücken wir den menschlichen Körper in den Fokus unseres zehntägigen Festival-Programms. Ausgehend von einer im Frühsommer veröffentlichten Ausschreibung beleuchten lokale wie überregionale Musiker*innen Aspekte von Körperlichkeit im Kontext der Musikproduktion und -rezeption. Wir möchten dazu einladen, mit erhöhtem Reflexionsbewusstsein und geschärften Sinnen die basalen Mechanismen des menschlichen Daseins im Allgemeinen sowie des Musik-Erlebens im Speziellen zu erfahren. Bekannte Programmreihen und liebgewonnene Kooperationen werden erneut aufgegriffen. Zudem laden wir an neuen Spielorten zu besonderen (Raum-)Erfahrungen ein. 

Am Anfang stand die Idee, dass wir die einschneidenden kollektiven gesellschaftlichen Erfahrungen der letzten Monate und Jahre bei der Wahl des Festivalthemas nicht außer Acht lassen können. Außerdem stand der Anspruch im Raum, über eine schlichte Thematisierung der Lockdown-Erfahrung hinauszugehen und neue Perspektiven auf unser Zusammenleben und kulturelles (Er-)Leben zu eröffnen. Im Zustand erzwungener Nabelschau, welche uns die Mechanismen unserer physischen und psychischen Existenz in ungewohnter Härte vor Augen führte, veröffentlichten wir die besagte Ausschreibung. Darin riefen wir dazu auf, diesen Moment erhöhter Aufmerksamkeit für die grundlegenden Mechanismen unseres körperlichen Daseins zu nutzen, um ihre besonderen Funktionsweisen im Kontext der Musikrezeption und -produktion zu beleuchten und künstlerisch zu verarbeiten.

Dir ist heiß. Stoff klebt auf deiner Haut. Feuchtigkeit tropft von der Decke, dein Schweiß vermengt sich mit dem anderer. Dicht an dicht bewegst du dich in der euphorisierten Menge. Dann: Kühle in den Zehen. Sitzen und Tee schlürfen. Später noch spazieren gehen. Du musst dich neuerdings nicht mehr im Spiegel ansehen, dein Gesicht kennst du noch aus der letzten Video-Konferenz. Berührungen sind sowas von 2019. 

Einleitende Worte Open Call Leipziger Jazztage 2021 

Nicht zuletzt für Musiker*innen bedeuteten die pandemischen Zustände eine jähe Unterbrechung ihres Alltags – beziehungsweise andersherum betrachtet, ermöglichten sie in vielen Fällen erstmals nach vielen Jahren wieder so etwas wie einen Alltag. Zumindest einen Alltag, dessen Speiseplan nicht von Backstage-Catering, sondern den eigenen Kochkünsten bestimmt war und womöglich zu ungewohnt regelmäßigen sportlichen Aktivitäten führte; der existenzielle Sorgen und auch Verlust und Krankheit mit sich brachte, aber an mancher Stelle auch die nötige Ruhe, um endlich mal die eigenen, schon lang geplanten Projekte zu verfolgen. So war es eigentlich nicht verwunderlich – auch wenn wir trotzdem positiv überrascht waren –, dass wir in weniger als drei Wochen über 50 Einsendungen mit vielen herausragenden Projektideen zugesandt bekamen, von denen wir letztlich elf in unser diesjähriges Programm aufnehmen konnten.  Viele der eingereichten Bewerbungen präsentierten keine fertigen Programme, sondern neue Ideen, die sich aus jüngsten Reflexionen speisten und erst noch fortentwickelt werden sollten. Anhand der Vielfalt der vertretenen Perspektiven zeigte sich, dass sich die vermeintlich universale Thematik der Körperlichkeit doch sehr individuell präsentiert und unterschiedlichste Aspekte fokussiert worden waren. Wir sahen uns demnach in unserer Vermutung bestätigt, dass es dringenden Gesprächsbedarf gibt. Bedarf an einem Gespräch, das in tatsächlich körperlicher Präsenz stattfindet und anhand künstlerischer Mittel den unvermittelten Austausch von Erfahrungen und deren Reflexion und Verarbeitung ermöglicht. 

Klangwellen treffen auf Trommelfelle, lassen einen erschauern oder Tränen fließen. Kopf und Fuß wippen im Takt, die Stimmung hebt sich, auch wenn man die Musik vielleicht noch nicht mal besonders gut findet. Spa-Anlagen werden von Healing Sounds geflutet, treibende Beats animieren im Fitnessstudio zu Hochleistungen. Stimmbänder vibrieren im Chor, während beim Schuhplattler Hände auf lederbekleidete Oberschenkel klatschen. Diszipliniert musizierende Körper erinnern präzise die kleinsten Bewegungen und üben sich in Verbindung mit verschiedensten Instrumenten in Selbstoptimierung. Sie kennen schmerzende Gliedmaßen genauso gut, wie das Herzklopfen hinter der Bühne und die Glückshormone, wenn tosender Applaus einsetzt. Musizierende setzen Trends und ahmen solche nach. Sie formen ihre Körper, um zu gefallen, zu provozieren und zu protestieren. Wie in allen gesellschaftlichen Sphären werden sie aufgrund ihrer Größe, ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe bewundert, erotisiert und exotisiert, bewusst ausgegrenzt oder einfach übersehen. Manche trauen sich deshalb weder ins Scheinwerfer- noch ans Tageslicht, glauben – im Einklang mit allen anderen – kaum an ihre eigene Existenz.

Auszug Open Call Leipziger Jazztage 2021 

Wir freuen uns darauf, bei der diesjährigen Festivalausgabe viele Premieren zu sehen, deren Inhalte wir gegenwärtig noch nicht genau kennen und deren gemeinsame Klammer vor allem eine neugierige und experimentierfreudige Haltung ist! Wir schätzen uns glücklich, wenn wir in den letzten Monaten zu Kreationsprozessen anregen konnten und sind gespannt, welche neuen Erkenntnisse sich im Verlauf des zehntägigen Festivalprogramms auftun werden. 

Viel Freude am Entdecken wünscht 

Euer Jazzclub-Team 

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