Laut & Leipzig – der Blog der Leipziger Jazztage.

Schichten freilegen

DARD I DOOR by Lukas Diller
DARD I DOOR by Lukas Diller

Die Lyrikerin Tanasgol Sabbagh und Bassist Reza Askari bringen Teile ihrer Familiengeschichte auf die Bühne des Ost-Pasage-Theaters. Ein Suchen, Tasten, Erinnern

Teil eins des Doppelkonzertes am zweiten Festivaltag trägt selbstbewusst Lesungscharakter. Neben dem Kontrabass ein Tisch, an dem die Dichterin Tanasgol Sabbagh Platz nehmen wird. Ihr Werkzeug: das MacBook und ein Kassettenrecorder. An ihrer Seite spielt Reza Askari. Was die Lyrikerin und den Bassisten verbindet, ist ihre iranische Herkunft und die Poesie-Performance »Dard I Door«, die die nächsten 45 Minuten füllt. 

Das Vorgetragene sind Bruchstücke, die gar nicht erst versuchen, ein Ganzes zu bilden. Sondern sich viel eher bewusst sind, dass Erinnerung – sowohl die individuelle, als auch die geteilte – kein lückenloses Abbild der Vergangenheit sein kann. Sabbaghs Text lässt Raum für das Vergessene und markiert auch die Stellen, die für Angehörige zu schmerzhaft sind, um sie aus dem Gedächtnis zu graben. Vom Laptop-Bildschirm liest die in Amol geborene Autorin abwechselnd auf deutsch und englisch vor. Zwischendurch legt sie Tapes ein. Darauf zu hören ist das warme Rauschen der Kassette und etwa ein Klavierstück, ein Streitgespräch zwischen ihrer Mutter und einer Tante, die Aufnahme einer Probe mit Askari.

Der begleitet die Spoken-Word-Künstlerin indes mit dem Kontrabass. Lässt dessen Saiten anfangs unentschlossen zittern, spielt dissonante Tonfolgen, dann wieder kraftvolle Harmonien. Mittendrin lehnt er sich an das Instrument und umarmt den Holzkörper, als würde dieser ihn stützen und nicht andersrum. »Wenn du den Bass so festhältst, fällt es dir leichter loszulassen?« Es ist nur eine von vielen unbeantworteten Fragen, die Sabbagh an diesem Abend in den Raum wirft.

Die beiden Künstler*innen spiegeln sich, reagieren aufeinander, schauen sich an und wirken dennoch einsam. Denn wo das Gesagte einerseits die Lebenswelt (post-)migrantischer Familien abbildet und ihnen eine Stimme gibt – »vier Sozialwohnungen, zwei Staatsbürgerschaften, ein Knochenjob nach dem anderen« – wird es an anderen Stellen äußerst persönlich. Sabbagh verwebt neben eigenen Erfahrungen wie die Verabschiedung von Verwandten in Iran und das Ankommen in der ersten Geflüchtetenunterkunft, auch Elemente aus Askaris Biografie und Gespräche mit dessen Vater zu einem vielstimmigen Dialog. 

Dass die Jazztage vergleichsweise älteres Publikum – welches, wie die Autorin dieses Textes vermutet, nicht regelmäßig zu Gast ist – in das Nachbarschaftstheater-Gewölbe an der Eisenbahnstraße lockt, ist natürlich begrüßenswert. Dass nach dieser intimen Performance zahlreiche Herren mit lichtem weißem Schopf weder klatschen noch anderweitig reagieren, ist wiederum schade. 

Zuletzt richtet sich Askari noch via Mikrofon an das Publikum. Sabbagh und er stehen Arm in Arm. Selbstverständlich spiele er momentan jedes Mal, wenn er auf der Bühne stehe, für seine Schwestern und Brüder im Iran. Einen Tag zuvor solidarisierten sich in Berlin zehntausende Menschen mit deren politischem Kampf. Die aktuelle Situation findet in diesem Rahmen natürlich nur begrenzt Platz. So bleibt Askari bloß zu sagen: »Frauen, Leben, Freiheit!«

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