JAZZCLUB LEIPZIG LEIPZIGER JAZZTAGE

Zeitzeuge Hans Link im Interview: Eine Geschichte von Improvisation auf und mit der Bühne

Foto: Lukas Diller
Foto: Lukas Diller

Vor 50 Jahren fand die erste Ausgabe der Leipziger Jazztage statt. Auch in diesem Jahr präsentieren sie sich einmal mehr als Festival, das neue Klanghorizonte und Forschungen im Sound verspricht. Das Jubiläum dieses besonderen Arrangements zu feiern, bedeutet auch, zurückzuschauen und in der Annekdotenkiste zu kramen. Wie der zeitgeschichtliche Hintergrund das Festival formte, welche Veränderungen die Leipziger Jazztage in den 90er Jahren erfuhren, und was im September 1988 die 13. Festivalausgabe rettete, verrät das langjährige Vereinsmitglied Hans Link im Interview.

Wie du weißt, feiern die Jazztage ihr 50. Jubiläum dieses Jahr. Seit wann bist du dabei?

Also im Jazzclub bin ich gewesen von 1987 bis 1991 und dann wieder ab 2009. Zwischenzeitig zog ich nach Thüringen in meine Heimat zurück.

Das heißt, du hast noch zwei Jahre DDR-Zeit im Jazzclub erleben können. Kannst du dich daran erinnern, was das Regime, auch wenn das zu dieser Zeit bereits nahe am Ende war, für einen Einfluss auf das Festival hatte?

Man hatte immer die Empfindung gehabt, und man wusste ja auch, dass viele Sachen nicht geduldet waren und zensiert wurden. Aber bei den Jazztagen in Leipzig war ich immer wieder angenehm überrascht, was möglich war. Beispielsweise gab es einen Vorgänger des Jazzkalenders, und zwar den Jazz Report, wo Stephan Kämmerer geschrieben hatte, dass eben dieser Jazz Report der erste seiner Art war, der nicht mehr zensiert wurde. Wahrscheinlich ist er durchgegangen, weil man annahm, dass es die Zensur noch in den Köpfen der Leute gab.

Die Leipziger Jazztage fanden seit 1976 mit Ausnahme des Jahres 1990 durchgängig statt. Hat der Mauerfall das Festival spürbar verändert?

Der größte Unterschied war, dass wir ab 1991 mit dem Festival in der Oper waren. Vorher fand das Festival immer in der Kongresshalle oder in kleineren Spielstätten statt. Einmal, erinnere ich mich, war die Kongresshalle polizeilich gesperrt. Ich glaube, es gab einen Brand im weißen Saal. Jedenfalls sind wir in ein Zirkuszelt umgezogen, das müsste im Jahr 1988 gewesen sein. Nach den besonderen politischen Umständen 1989 ist auch das Programm umfangreicher geworden. Ich weiß nicht, seit wann die Jazztage über eine Woche Spielzeit haben, aber auch das war nicht immer so. 1991 war ich zwar wieder zurück in Eisenach, bin aber trotzdem zu den Jazztagen nach Leipzig gekommen und habe bei der Ordnungsgruppe mitgemacht. Ich denke, das war das letzte Mal, dass wir selbst eine Ordnungsgruppe gestellt hatten, bevor der Jazzclub eine offizielle Security einführte.

Du hattest eben kurz das Jahr 1988 und das Zirkuszelt thematisiert. Über diesen besonderen Vorfall habe ich auch gelesen. Im September 1988 fanden die Jazztage im Zirkuszelt Busch statt. Zählt diese legendäre 13. Ausgabe zu den besonderen Anekdoten, die du mit den Leipziger Jazztagen in Verbindung bringst?

Absolut. Dort war ja Heiner Goebbels mit seinem Programm »Ein Mann im Fahrstuhl« in Aktion. Dann war dort drei Tage später Caspar Brötzmanns Massaker und am selben Abend das amerikanische Sextett um Arnett Cobb. Ein Saxofonist, der damals bereits über 70 war, der mit Krücken reinkam, auf die Bühne stieg, die Krücken weglegte und eine Kanne spielte, ein Tenorsaxofon – das war der Hammer. Auch die Konzerte mit James »Blood« Ulmer sind in Erinnerung geblieben.

Was sind deine Assoziationen, wenn du an die Leipziger Jazztage denkst? Wie würdest du das Festival beschreiben?

Ich war ja, bevor ich Mitglied wurde, schon bei den Leipziger Jazztagen zu Besuch. Das war und ist so eine Veranstaltung, wo man sagt, da geht man hin, da ist was los. Da trifft man sich mit Leuten, man unternimmt was mit Freunden und hat eine schöne Zeit zusammen. Es gibt viele Leute, die man jedes Jahr sieht und manche, die man erst nach vielen Jahren wiedersieht. Und alles mit guter Musik. Die Leipziger Jazztage sind ja dafür bekannt, dass viel Free Jazz gespielt wird. Diese Freude am Experimentieren und die Vielschichtigkeit der gespielten Musik ist nicht verloren gegangen.

Hans Link vor seinem zweiten Wohnzimmer – der naTo
Hans Link vor seinem zweiten Wohnzimmer – der naTo

Gibt es etwas, was du dir für die Jazztage und für die Jazzlandschaft in Leipzig wünscht?

Vor allem wünsche ich mir, dass die Leipziger Jazztage erhalten bleiben. Damals hatten wir noch sieben Tage Oper, heute ist es nur noch einer. Die Stadt soll weiterhin die Möglichkeit haben, diese interessanten Konzerte zu hören. Allgemein denke ich, dass die Aussichten in Leipzig aber relativ gut sind, vor allem für jüngere Musikerinnen und Musiker gibt es ja diverse Sessions und Konzertmöglichkeiten.

(Interview: Jeremias Nentwich)

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