LEIPZIGER JAZZTAGE

Dave Holland Trio: »Wer hatte denn die Idee, hier heute sowas zu machen?«

Foto: Lukas Diller
Foto: Lukas Diller

Die Erwartungen an den »Gentleman des Jazz« waren groß. Sein Auftritt im UT Connewitz war dabei nicht nur eine Bühne für sein erstklassiges Können, sondern zeigte auch, dass Jazzpeople bei ihren Größten manchmal etwas unentspannt sind.

Auf dem Gehsteig vor dem UT Connewitz drängt sich dicht an dicht ein Pulk von Menschen. Das Wetter ist mies und die Türen des UT verschlossen. Trotzdem macht sich keine schlechte Laune breit. Ganz im Gegenteil, als ich mich zur Menge stelle, springt mich die freudige Spannung der Wartenden förmlich an. Denn heute spielt Dave Holland mit seinem Trio – da hält man so ein bisschen Nieselregen gerne aus. 

Der britische Bassist ist seit Jahrzehnten einer der ganz Großen im Jazz. Dementsprechend ist das Publikum, das geduldig auf den Einlass wartet, bunt gemischt – von Sakko bis Adidas, von hoch betagt bis noch ganz jung – überall kennt und verehrt man ihn. 

Was jetzt schon als das Highlight der diesjährigen Jazztage verhandelt wird, hat noch nicht begonnen, als gegenüber, auf der anderen Seite der Wolfgang-Heinze-Straße etwas anderes beginnt: Aus der Zwille schallt ein Schrammel-Punk-Konzert hinüber. Der eine oder die andere Wartende fängt schon an, sich darüber zu mokieren (»Wer hatte denn die Idee, hier heute sowas zu machen?«/ »Das ist aber übersteuert.« / »Wenn ich dort der Nachbar wäre…«), da werden endlich die Türen geöffnet und die – mir dann doch etwas peinliche – Auseinandersetzung der Jazzpeople mit der ungenierten Lust an Lärm und Pogo von nebenan ist vorbei. 

Alle drängen gemächlich durch den Flaschenhals des Einlasses und füllen die schönen Räume des UT. Drinnen herrscht ein allgemeines Wiedersehen: Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft, Anekdoten und Geschichten ausgetauscht. Viele bekannte Gesichter sind dabei, immer die gleichen Nasen… 

Neben Dave Holland spielen heute der Altsaxofonist Jaleel Shaw und der Schlagzeuger Nasheet Waits. Als das Trio endlich die Bühne betritt, wird Holland mit warmem Applaus begrüßt. Er hat schon oft in Leipzig gespielt und nicht wenige im Publikum sind schon das eine oder andere Mal dabei gewesen. 

Das Trio beginnt zu spielen – leicht und gewitzt – und während die Musik an Tempo gewinnt und sich in seiner Spannung und Komplexität entfaltet, löst sich die Erwartungshaltung an diesen Abend ein: Jeder Einsatz sitzt, jede Phrase gelingt mühelos. Die Musik ist kraftvoll und mitreißend und schon bald befinde ich mich wackelnd und wippend in einer wippenden und wackelnden Menge.  

Die Künstler auf der Bühne sind allesamt große Klasse und Holland genießt sichtlich die Zusammenarbeit mit ihnen. Waits brilliert am Schlagzeug: Mal zerdehnt er den Takt lasziv, um ihn im nächsten Moment mit Wucht zurückzuholen und an anderer Stelle richtig reinzuknallen. Shaw am Altsaxofon legt sich gekonnt ins Zeug, lässt die Melodien eigensinnig fließen, sich brechen und spielerisch mit Kontrabass und Drums kollidieren. Holland und Waits wechseln immer wieder achtungsvolle Blicke, weil Shaw richtig gut ist. 

Nach häufigem Hin und Her-Tingeln habe ich herausgefunden, dass man besser rechts als links steht, denn die Bar ist dann doch immer wieder störend laut. Aber auch dort wird man ganz leise als Holland zum Solo ansetzt. Die kollektive Stille, die nun herrscht, damit auch die leisen Nuancen seines Instruments gut zu hören sind, hat etwas Andächtiges… Dezent und zurückhaltend, dann eindringlich kraftvoll, führt Holland uns sein Können vor und improvisiert auf dem Bass mühelos elegante Phrasen und raffinierte Wendungen. 

Ich habe Dave Holland heute zum ersten Mal live spielen sehen und meine Erwartungen an den »Gentleman of Jazz« waren groß. Sie wurden an diesem Abend mehr als erfüllt. Allein schon anderthalb Stunden lang die Freude der Musiker am Zusammenspielen und ihre gegenseitige Achtung und Anerkennung beobachten zu können, hat mich sehr ergriffen und fröhlich gestimmt. Das war ein besonderer Abend. Der Blick ins Publikum und der langanhaltende Applaus zeigen, dass ich mit der Einschätzung nicht alleine stehe.   

Und doch: Einige scheinen allzu abgeklärt, allzu routiniert am Who-is-who der Leipziger Jazzszene teilzunehmen. Dort scheint ein so erwartbarer Erfolg nicht mehr für allzu viel Begeisterung zu sorgen. Und so will man denen, die nach diesem Abend mit verschränkten Armen ein bisschen unzufrieden zurückbleiben, vielleicht raten, im Anschluss dann doch noch mal in der Zwille vorbei zu schauen. Klar, da gibt es weniger hochklassige Musik: less Jazz, but also less Stock in the ass! 

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