LEIPZIGER JAZZTAGE

»Vielfalt von Stimmen in jeglicher Hinsicht!«: Interview mit Eva Klesse

Foto: Sally Lazic
Foto: Sally Lazic

Im Juni wurde die Leipziger Musikerin Eva Klesse im Rahmen des Deutschen Jazzpreis zur »Künstlerin des Jahres« gekürt. Am 5. Dezember gastiert sie mit ihrem aktuellen Projekt »Stimmen« in unserer »Jazzclub Live«-Reihe in Leipzig. Im Interview spricht sie darüber, wem sie mit ihrem Album eine Stimme geben möchte, wie sie ihre Musik selbst einordnet und wer sie musikalisch geprägt hat.

Das Projekt »Stimmen« bildet eine ganze Bandbreite an gesellschaftspolitisch relevanten Themen ab, von der Zeitzeugenschaft in der DDR, dem Widerstand gegen das russische Regime bis zur Queerfeindlichkeit in der Jazzszene, um nur einige zu nennen. Was vereint diese Themen und wie gebt ihr diesen eine Stimme auf eurem Album? 

Die Klammer ist, dass wir Perspektiven gesammelt haben von Menschen aus aller Welt, die wir bewundern, weil diese in vielerlei Hinsicht ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeiten und Diskriminierung und für deren Überwindung kämpfen. Das fanden wir inspirierend und deswegen haben wir aus verschiedensten Ländern, aus verschiedensten Bereichen diese Stimmen gesammelt und versucht, sie auf sehr unterschiedliche Art und Weise zu vertonen: gesungen, gesprochen, übereinander geschachtelt, verfremdet, einfach nur erzählt – Vielfalt von Stimmen in jeglicher Hinsicht.


Wie würdest du das Ergebnis nennen? Ist das Spoken-Word-Music, musikalisch-politischer Poetry Slam oder vielleicht einfach Jazz als Musik, die schon immer genuin politisch war und Sprechgesang als wesentliches Merkmal innehatte?
Ich finde es immer schwierig, die eigene Musik zu labeln. Es gibt ja dieses schöne Zitat: »Über Musik sprechen ist wie zu Architektur tanzen«. Wenn es dann noch um die eigene geht, dann ist es meistens noch viel schwieriger. Das überlasse ich lieber anderen Leuten. Aber wir sind für uns zu dem Punkt gekommen, dass es wie ein musikalisches Essay ist. Es ist fast näher dran an einem musikalischen Hörbuch als an einem Jazzalbum und wenn wir es live spielen, sicher auch noch mal näher an etwas Performativen als an einem Jazzkonzert im klassischen Sinne.


Der begleitend erschienene Essay nimmt seinen Anfang in der Corona-Pandemie, in welcher der Anstoß für das Projekt entstand, gegen die äußeren Begrenzungen innere Widerstände zu wecken. Inwiefern ist diese Haltung nach fünf Jahren heute noch notwendig? Was hat sich verändert an der äußeren Situation?
Die Coronazeit hatte Herausforderungen und gleichzeitig Möglichkeiten. Die Möglichkeit für uns war die der geschenkten Zeit, unter schwierigen Bedingungen natürlich, weil viele freischaffende Musiker:innen kein Geld hatten. Die Zeit und die Möglichkeit der Rückbesinnung, das war der Grundstock für das Projekt. Dass es erst jetzt rausgekommen ist, hat auch damit zu tun, dass uns das Projekt einfach über Jahre beschäftigt hat. Innerhalb von 2 Monaten kann so etwas nicht entstehen. Es musste einen längeren Prozess durchlaufen. Und die Haltung bleibt auf jeden Fall bestehen. Ich denke, es wird immer dringlicher, dass wir uns als Künstler:innen explizit gesellschaftspolitisch äußern, Farbe bekennen und Haltung zeigen. In diesem Sinne wollen wir auch dieses Album verstanden wissen.

Gab es für diese explizit politische Dimension Vorbilder oder Traditionslinien, in denen du dich oder ihr euch seht?

Wir sortieren uns nicht in eine bestimmte Tradition ein und sagen, wir beziehen uns explizit auf diese oder jene Vorbilder. Aber es gibt davon natürlich viele – zum Beispiel Max Roach und Terry Lyne Carrington, Charlie Haden und Carla Bley. Dann natürlich noch John Coltrane und Mingus – eine krasse Vielfalt also, auch an explizit politisch agierenden Jazzmusiker:innen in der Geschichte, die wir alle natürlich auch bewundern, ohne uns bewusst auf sie zu beziehen.

Im Introsong fallen die Worte: »Ich wünschte, der Klang baute einen Raum für die Trauer«. Musik, Kunst und Politik bilden das grundlegende Verhältnis dieses Albums. Stehen sie gleichberechtigt nebeneinander? Ist die Musik auf diesem Album nur ein Darstellungsmittel für die politischen Inhalte oder verschränken sie sich so ineinander, dass sie gar nicht klar voneinander zu trennen sind?
Musik bietet die einzigartige Möglichkeit, bestimmte Dinge auch eben ohne Worte zu verhandeln oder auf einer anderen Ebene Leute zu berühren. Deswegen steht Inhalt und Musik in jedem Fall auf einer Stufe, aber sie sprechen jeweils andere Punkte unseres Menschseins an. Es gibt einmal die intellektuelle, textliche Seite, und dann die Musik – das gibt es ja als Zitat –, die ausdrückt, was nicht gesagt werden kann. 


Besteht das Risiko, dass dieses Album oder die Musik gleichsam nur als Kunst wahrgenommen und der politische Aspekt verkannt wird – die Ästhetisierung desselben also ein Problem darstellt?
Ich glaube, dass die Gefahr nicht besteht! Bei allen Rückmeldungen, die wir bisher bekommen haben, sowohl von Menschen, die dieses Album gehört haben, als auch vor allem von Leuten, die es live erlebt haben – wir haben es ja noch nicht oft live spielen können –, hat das die Leute sehr berührt und zum Teil auch betroffen und sprachlos gemacht. Was wir noch nicht gehört haben, hier: Das war aber ein netter Jazzabend oder so. Dieses Programm ist ein Brett. Es hat uns viel abverlangt und es verlangt auch den Zuhörenden viel ab – als ein intensives und berührendes Konzerterlebnis.

Gibt es bei einem solchen herausfordernden Programm eine Vorstellung oder einen Wunsch von euch, wie die Zuhörer:innen diesem am besten begegnen sollten?
Nein, da bin ich wie bei den »normalen instrumental klassischen Jazz-Alben«. Auch da bieten wir zwar eine Geschichte und einen bestimmten Zugang an, aber was die Personen, die uns zuhören, damit dann machen – wie und wo sie das Musikstück in ihrem Ohr und Kopf und Herz und Bauch sehen und hin sortieren–, das ist ganz allein deren Sache. Wir wünschen uns Zuhörer:innen, die dem offen begegnen, sich davon berühren lassen und schauen, was es mit ihnen macht.

Die ersten Worte des Albums lauten: »Es ist alles geliehen« und der Titel des dritten Teils heißt: »Pass The Mic«. Ist beides ein Ausdruck für die verantwortungsvolle, sich zurücknehmende Rolle, die ihr in diesem Projekt einnehmt oder einnehmen wollt?
Es war auf jeden Fall unser Ziel, zurückzutreten und eben das Mikro weiterzureichen. Auch im ganz praktischen Sinne, denn aus der Ausgangsposition des Projektes heraus waren wir als freischaffende Musiker:innen in Deutschland in einer schwierigen Situation, aber Corona hat nochmal deutlich gemacht, dass viele Menschen auf diesem Erdball sich in noch viel schwierigeren Positionen befinden und dass viele Themen auch in diesem großen Corona-Thema untergegangen sind. Mit der Pandemie hat das Album überhaupt nichts zu tun, es beschäftigt sich vielmehr mit anderen Themen, von denen wir das Gefühl hatten, dass sie unterzugehen drohen. Wenn es uns gelungen ist, dass wir die Bühne an jemand anderen abzutreten, dann sind wir darüber froh. Ganz funktioniert es aber natürlich nicht, wir sind immer noch da, wir spielen die Musik, wir stehen auf der Bühne.


Über die Rückmeldung des Publikums hattest du gerade schon gesprochen, haben sich auch die Stimmen zurückgemeldet, die unmittelbar oder mittelbar auf dem Album zu Wort kamen?
Die Leute haben das natürlich zu hören bekommen, soweit sie erreichbar waren – es gibt ein paar Sprecher:innen auf dem Album, die man jetzt nicht gerade direkt per Mail erreichen kann – aber diejenigen, welche es hörten, haben sich gesehen gefühlt in dem, was wir daraus gemacht haben. Das war für uns das Wichtigste!

Apropos gesehen werden: Der letzte Song, den du als Hoffnungshymne betitelt hast, heißt: »You cannot be what you can not see«. Was bedeutet das für dich? Und ist die darauf vorkommende Anweisung von Michelle Obama: »If they go low, we go high!« vielleicht ein Leitspruch für das Album, dass mit Musik und starken Stimmen dieser ganzen Unterdrückung und Diskriminierung ein Stück weit entgegentreten werden kann?
Die Zitate sind nicht zufällig gewählt. Mit ihnen verbinden wir uns und möchten diese gerne unterstreichen, mit Kraft und mit dem, was wir in der Hand haben – das ist die Musik. Es ist eine Vielzahl von vor allem bedrückenden Themen, die manchmal schwer auszuhalten sind. Gerade deswegen war es uns wichtig, am Ende einen Ausblick der Hoffnung zu haben. Kunst, die sich ausschließlich auf die schlimmen Dinge in dieser Welt konzentriert, finde ich ehrlich gesagt als Konsumentin schwer auszuhalten. Das wollten wir nicht. Wir wollten feiern, dass es Menschen gibt, die sich diesem Schrecklichen entgegenstellen, sodass Kraft, Stärke und Hoffnung am Ende stehen.


Diese Themen haben an Aktualität eigentlich nicht verloren, haben sich vielleicht sogar noch verschärft und in der sich rapide verändernden Welt sind wieder neue hinzugetreten. Bedarf es einer ständigen Wiederholung und Erweiterung dieser Arbeit des Hörbarmachens, damit die Stimmen auch noch weiter gehört werden – vielleicht sogar mit einem »Stimmen II«-Album?

»Stimmen II« müssten wir bandintern nochmal diskutieren. Wir alle haben jedenfalls Blut geleckt; für uns war es vielleicht auch mit das wichtigste Album, was wir bisher gemacht haben, sodass wir sicherlich auch Lust haben, uns darauf noch einmal einzulassen. Wahrscheinlich aber mit ein wenig Zeit dazwischen. Das nächste Album wird ein ganz schlichtes, pures instrumentales Jazz-Album sein, auf dem wir einfach Mucke spielen. Das Stimmen-Projekt hat uns mehrere Jahre begleitet mit vielen Widerstände in jeglicher Hinsicht. Das kann man nicht jedes Jahr machen. Mir wäre es auf jeden Fall ein Bedürfnis, damit weiterzumachen, denn Themen gibt es ohne Ende bei dem backlash der patriarchalen, rechtsradikalen und konservativen Bewegungen, die es gerade gibt. Dann würde es uns darum gehen, die Gegenstimmen zu highlighten.


Wann kommt das neue Album raus? Ist da schon etwas fest?

Wenn wir unserem strengen Zweijahresplan treu bleiben, den wir seit Gründung dieser Band gefahren haben, dann kommt es im Herbst 2026 raus, aber da will ich jetzt noch nicht meine Hand für ins Feuer legen.

Wir warten gespannt! Im Dezember gibt es neben der Aufführung von Stimmen noch das alljährliche benefizz-Konzert im Dezember: Kannst du uns dazu schon etwas sagen?
Die benefizz-Konzertreihe veranstalten wir jetzt schon seit 10 Jahren mit dem fizz-Kollektiv. Dabei geht es darum, dass wir uns als Leipziger Jazzszene positionieren und Musik spielen. Auch als Zeichen für die Organisationen, für die wir sammeln. In diesem Jahr werden das »Ärzte ohne Grenzen« und die »Leipziger Obdachlosenhilfe« sein. Das Konzert findet am 18.12. in der Neuen Musik Leipzig statt. Das Line-Up darf ich leider noch nicht verraten, da arbeiten wir noch dran, jedoch wird es wieder ein sehr buntes Programm geben von Jazz, Pop zu Free-Jazz, mit Bekannten und Newcomern – alle sind herzlich eingeladen, vorbeizukommen!


Da sind wir auf jeden Fall dabei! Möchtest du noch etwas hinzufügen?
Das »Stimmen«-Konzert im Dezember ist die erste, einzige und eine der allerersten Chancen, dieses Projekt überhaupt in Leipzig live zu erleben. Durch die große Besetzung mit sieben Leuten plus Toningenieur:in gibt es diese Möglichkeit nicht so häufig. Wir freuen uns total: Leipzig ist ja unserer Bandgründungsort!

(Interview: Lennart Winterkemper)

EN