Festivalgeschichte seit 1976

„Eine der profiliertesten Veranstaltungsreihen dieser Art in Deutschland und in Europa!” MDR Kultur

Der Jazzclub Leipzig wurde 1973 gegründet und gedieh als Freundeskreis innerhalb des Kulturbundes  der DDR vergleichsweise im Windschatten damaliger Kulturpolitik. Durch beharrliches Engagement von Jazzfreunden gelang es, Konzerte und von 1976 an die Leipziger Jazztage zu organisieren. Was relativ klein begann (1976 in einem Kino und 1977 in einem Hörsaal), erreichte innerhalb weniger Jahre eine erstaunliche Größendimension: Von 1978 an fanden die Leipziger Jazztage in der repräsentativen Kongreßhalle am Zoo statt. Zugleich erweiterte sich das musikalische Spektrum. Es gelang, auch durch zahlreiche private Kontakte und Netzwerke, in verstärktem Maße, Musiker und Musikerinnen aus osteuropäischen Ländern und Westeuropa einzuladen. 

Die Leipziger Jazztage wurden – von der Kulturbürokratie gerade deshalb kritisch beäugt – zu einem Ort internationaler musikalischer Begegnung und zu einem Treffpunkt für die Jazzgemeinde in der damaligen DDR. Konzeptionell lag der Schwerpunkt auf der Präsentation von neuem, zeitgenössischem Jazz, wobei der Avantgarde breiter Raum gewährt wurde. Auch aufgrund dieser Spezifik haben die Leipziger Jazztage in den 80er Jahren internationale Bedeutung erlangt, was sich zu dieser Zeit auch in zahlreichen Fachpublikationen in der BRD niedergeschlagen hat.

Der Herbst ’89 bedeutete für die ostdeutsche Kulturlandschaft eine starke Zäsur, für viele Initiativen sogar das Ende. Zu den wenigen, die die grundlegenden Veränderungen 1989/90 überlebt haben, zählt heute der Jazzclub Leipzig. Integrität und ein hoher Qualitätsanspruch an die präsentierte Musik bei gleichzeitiger Beachtung der Publikumsinteressen waren die Voraussetzung, um die Aktivitäten ausweiten und intensivieren zu können. Das Jahr 1991 markierte dennoch einen Neubeginn: Hauptspielort der Jazztage wurde das Leipziger Opernhaus. Dort finden bis heute die großen Festivalkonzerte statt. Die Atmosphäre der Jazztage prägen aber nicht nur die Abende auf der großen Bühne, sondern auch die vielen Konzerte im ganzen Stadtgebiet: Nachtklänge, Jam Sessions und Parties in Clubs wie Moritzbastei, naTo, Telegraph und UT Connewitz. Darüber hinaus finden und fanden erlebnisreiche Konzerte in besonderen Räumen wie Kirchen, dem Völkerschlachtdenkmal oder einem Freibad statt.

Die enge Verbindung zur polnischen Jazzszene unterscheidet die Leipziger Jazztage von vielen anderen Festivals. Mit der Verleihung des Leipziger Jazznachwuchspreis der Marion-Ermer-Stiftung und dem Spezial der ganzjährigen HMT Stage Night werden immer auch aufstrebende Newcomer, die einen eigenen musikalischen Ausdruck provozieren, einem breiten Publikum vorgestellt. Der traditionelle »Jazz für Kinder« im großen Opernsaal bietet zudem einen kulturellen Höhepunkt für die ganze Familie.

„Die Macher der Leipziger Jazztage beweisen Mut… Das Konzept ist bewundernswert: weg von den ausgefahrenen Gleisen.“ Jazzzeitung

Mit dem 1991 geglückten Sprung ins Leipziger Opernhaus und der Forcierung der thematischen Ausrichtung des Festivals unter Festivalleiter Dr. Bert Noglik gelang es, die Leipziger Jazztage auch unter veränderten politischen und wirtschaftlichen Vorzeichen weiterzuentwickeln, große Namen des Jazz zu präsentieren, neue Strömungen vorzustellen und eigenständige Projekte zu entwickeln. Unvergesslich die Begegnungen mit Musikern wie Gerry Mulligan, Michel Petrucciani, McCoy Tyner, Brad Mehldau oder John Scofield, unvergesslich auch das Zusammentreffen der aus Leipzig stammenden europäischen Legende Joachim Kühn mit dem US-amerikanischen jazz-Pionier Ornette Coleman.

Heute zählen die internationalen Leipziger Jazztage zu den renommiertesten Jazzfestivals in Deutschland. Mit selbst initiierten Projekten, Auftragskompositionen und vor allem einem thematischen Rahmen bildet das Festival den Zeitgeist des Jazz ab. Damit verdeutlicht es den Anspruch, mehr ‚Werkstatt‘ als nur ‚Schaukasten‘ zu sein. Unter dem Motto »Schöne Künste« haben die Leipziger Jazztage im vergangenen Jahr ihr 40. Jubiläum gefeiert. In einer spannungsvollen Einheit zeigte es die kreative Liaison des zeitgenössischen Jazz mit Tanz, Poesie und Malerei. In diesem Jahr wird das Festival mit dem Thema »Gitarrengipfel« den vielseitigen Gitarrensound im zeitgenössischen Jazz abbilden.

In den letzten Jahren haben es die Leipziger Jazztage wie kaum ein anderes Jazzfestival geschafft, auch junges Publikum anzusprechen, sodass die ZuschauerInnen mittlerweile aus drei Generationen kommen: vom 1940 geborenen Jazzclub-Gründungsmitglied bis zur/m 1995 geborenen Studierenden. Mit der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig, aber auch mit jahrelangen Partnern wie der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Polnischen Institut Berlin und den Botschaften der USA, Norwegens und Israels sowie ausgewählten Sponsoren an der Seite stehen die Leipziger Jazztage heute – bei aller Tradition – vor allem zukunftsträchtig da. Bis heute werden sie vom Jazzclub Leipzig veranstaltet, der stets bestrebt ist, den Gästen – seien es aufstrebende Newcomer oder Weltstars auf der Bühne oder das Publikum davor – eine freundliche, familiäre Atmosphäre zu bieten.

Dabei ist es seit jeher unser Anliegen, die geistig sinnliche Dimension des Jazz erfahrbar zu machen – einer Musik, die wie kaum eine andere Kunstform von der Verbindung zweier Gegenpole lebt: Individualität und Kollektivgeist. In dieser Verbindung von Isolistischem Akt und Interaktion, Monolog und Dialog liegt das eigentliche Faszinosum des Jazz. Wo dieser Spagat zum glückhaften Ereignis wird, liefert der Jazz zugleich ein Modell idealer Gemeinschaft, als „democratic art form“ bezeichnet ihn Max Roach. Das kreative Potential dieser spannenden Einheit in immer neuen Varianten auszuloten, gehört zu den reizvollsten Abenteuern überhaupt – und zu jenen Aufgaben, die ebenso viel Energie zurückgeben wie sie fordern.

 

Bisher bei den Leipziger Jazztagen zu Gast

Eivind Aarset
John Abercrombie
Poppy Ackroyd
Yazz Ahmed
Max Andrzejewski
Andromeda Mega Express Orchestra
The Bad Plus
Rebekka Bakken
Nik Bärtsch
Pepe Berns
Ketil Björnstad
Carla Bley
Johanna Borchers
Anouar Brahem
Till Brönner
Peter Brötzmann
Lucia Cadotsch
James Carter
Ron Carter
Stanley Clarke
Avishai Cohen
Avishai Cohen (tr)
Ornette Coleman
Steve Coleman
Chick Corea
Phil Donkin
Kit Downes
Johannes Enders
Bill Frisell
Richard Galliano
Jan Garbarek
Benny Golson
Nora Gomringer
Mark Guiliana
Rigmor Gustafsson
Arve Henriksen
Dieter Ilg
Leafcutter John

Eric Harland
Pablo Held
Matthew Herbert
Hidden Orchestra
Dave Holland

Julia Hülsmann
Sophie Hunger
Abdullah Ibrahim
Maria Joao
Kalle Kalima
Soweto Kinch
Niels Klein
Eva Klesse
Lee Konitz
Joachim Kühn
Rolf Kühn
Robert Landfermann
Nils Landgren
Nguyen Le
Charles Lloyd
Lionel Loueke
Shai Maestro
Albert Mangelsdorff
Branford Marsalis
Pat Metheny
Medeski, Martin & Wood
Brad Mehldau
Marcus Miller
Frank Möbus
Nils Petter Molvaer
David Moss
Mouse on Mars
Leszek Możdżer
Gerry Mulligan
David Murray
Meshell Ndegeocello
Werner Neumann
Panzerballett
Aaron Parks
Matt Penman
Michel Petrucciani
Chris Potter

Joshua Redman
Marc Ribot
Monika Roscher
Terje Rypdal
Helmut Joe Sachse
Antonio Sanchez
Heinz Sauer
Anna-Lena Schnabel
Philipp Scholz
John Scofield
Wayne Shorter
Jimmy Smith
Leo Smith
Günter Baby Sommer
Tomasz Stańko
Oli Steidle
Erika Stucky
Supersilent
Steve Swallow
Eric Truffaz
McCoy Tyner
Florian Weber
Bugge Wesseltoft
Cassandra Wilson
Norma Winstone
Nils Wogram
Michael Wollny
Lewis Wright
Zentralquartett
John Zorn

u.v.a.

Anlässlich der 40. Leipziger Jazztage ist am 29. September 2016 das Buch »Flamingos und andere Paradiesvögel – 40 Jahre Leipziger Jazztage« erschienen. Auf 368 Seiten versammelt es zahlreiche Anekdoten und Bilder rund um das Festival. Mehr Infos dazu ››› 

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