Mittwoch, 26.02.2020
20:30 Uhr
Werkcafé im Kulturhof Gohlis
RADAR

RADAR

Rückblick: Es ist 2011 und erstes Laub liegt auf einer Wiese am Teich. Im Hintergrund vermengen sich die Grautöne sperriger Plattenbauten mit dem lichteren Grau des Himmels. Vier junge Männer in Lederjacken richten ihre Blicke fokussiert in die Kamera – hinter ihnen im Wasser dümpeln verträumt die Stockenten. Evgeny Ring, Sascha Stiehler, Philipp Rohmer und Dominique „Gaga“ Ehlert – kennengelernt haben sie einander in Leipzig – haben gerade als Evgeny Ring Quartet ihr Debütalbum Ya Tashus’ veröffentlicht. Erschienen ist es in der angesehenen Nachwuchsreihe Jazz Thing Next Generation bei Doublemoon Records. Mit „Blick zurück“ einer Komposition des 2016 für eine Russland-Tour zum Quartett hinzugestoßenen Gitarristen Bertram Burkert eröffnet nun – versonnen, aber nicht nostalgisch – das für den 20.02.2020 angekündigte Album RADAR (Egolaut Records). Unter diesem Namen ist die Band, die sich inzwischen als Kollektiv gleichberechtigter Partner versteht, nun auch unterwegs. Erwarten lässt das neue Album eine erstaunliche kompositorische Spannweite: Rings Verbindung zur Kunstmusik des 20. Jahrhunderts findet beispielsweise ebenso ihren Raum wie Burkerts Progrock-Elemente. Die Verschiedenheit der Stücke wird zusammengehalten von der gemeinsam gewachsenen Klangästhetik der Beteiligten. Der Blick nach vorn darf zuversichtlich gewagt werden!

 



Evgeny Ring (sax), Bertram Burkert (g), Sascha Stiehler (p), Philipp Rohmer (b), Dominique Ehlert (dr)

 

VVK 12/8 € zzgl. Gebühr bei Culton Ticket, AK 14/10 €

Donnerstag, 27.02.2020
20:30 Uhr
Schaubühne Lindenfels, Grüner Salon
Zwitschermaschine

Zwitschermaschine

Vier falsche Vögel sitzen – selbst Bleistift und schwarze Tinte vor rosa-violettem Aquarell – auf einem zweifach gebogenen Ast. Dieser ist zugleich die Kurbel, die den weit aufgerissenen Vogelschnäbeln mechanisch kratzigen Gesang entlocken könnte. Gesetzt den Fall die Zweidimensionalität von Paul Klees »Die Zwitschermaschine« löse sich auf und schüfe Platz für die Kurbler*in. Was auf dem 1922 entstandenen Gemälde – häufig als Klangsymbol der Moderne interpretiert – nicht funktionieren kann, löst die Zwitschermaschine des Altsaxofonisten Mark Weschenfelder klanggewaltig ein. Das Ensemble vereinigt vier von einer Rhythmusgruppe angekurbelte Bläser. Auf unorthodoxe Art und Weise wird der Bandsound von zwei Flöten bestimmt, die neben, mit oder vor Saxofon, Posaune, Gitarre und Bass flirrend, glitzernd, zwitschernd aufziehen. Weschenfelders Kompositionen kommen kompakt, farbenreich, rasant und ohne simple Startrampen für improvisatorische Selbstdarstellungen daher. Das Debütalbum der Band, »System for Us«, ist 2019 bei WhyPlayJazz erschienen und bündelt sieben Individualisten in einem dichten, gemeinsamen Klang aus dem derweilen kleine Soli lichtblitzartig auffahren. Wohltuend kraftvolle, ungeschwätzige Musik.



 

Mark Weschenfelder (as, cl, comp), Paul Berberich (fl, as), Vincent Bababoutilabo (fl, afl), Adrian Kleinlosen (pos), Joachim Wespel (g), Andris Meinig (kb), Florian Lauer (dr)

Samstag, 14.03.2020
19:30 Uhr
Werkcafé im Kulturhof Gohlis
Wolfram Knauer »Play yourself, man!« & Heuken/Stadtfeld/Heigenhuber"

Wolfram Knauer »Play yourself, man!« & Heuken/Stadtfeld/Heigenhuber"

In der Improvisation Persönlichkeit ausbilden und zeigen – das könnte das Motto für die Entwicklung des Jazz in Deutschland sein. Wolfram Knauer, Direktor des Jazzinstituts Darmstadt, zeichnet diesen Weg von den Anfängen nach dem Ersten Weltkrieg bis heute nach. Er taucht ein in das Berlin der 1920er, zeigt die Zurückdrängung von Swing und Jazz durch den Nationalsozialismus ebenso wie den Aufbruch im Nachkriegs-Frankfurt und den musikalischen Austausch mit den GIs, er beleuchtet die Szene in der DDR und illustriert die Umtriebigkeit der heutigen Jazz-Community. Knauers Buch basiert auf jahrzehntelanger Recherche und Leidenschaft – und es ist eine zum Standardwerk taugende Bestandsaufnahme des wohl vielfältigsten aller musikalischen Genres.

 

Knauer lehrte an mehreren Universitäten und war als erster Nichtamerikaner Louis Armstrong Professor of Jazz Studies an der Columbia University. Er ist Herausgeber der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung und Mitherausgeber der internationalen Fachzeitschrift Jazz Perspectives.

 

Wolfram Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland (Reclam, 2019)

 

Musikalisch gerahmt wird die Lesung von einem äußerst ungewöhnlichen Trio: Heuken/Stadtfeld/Heigenhuber. Das Nischeninstrument Vibraphon steht hier im Mittelpunkt. Mal als Melodie-, mal als Harmonieinstrument aber immer als Dreh und Angelpunkt dieses Leipziger Trios. Die Band erforscht zum einen mehr oder weniger bekannte Songs aus Jazz und Pop, zum anderen widmet es sich den Kompositionen von Volker Heuken, die eindeutig aus der Sprache des Jazz kommen, aber auch Ausflüchte unternehmen in konzipierte Improvisationen, Neue Musik oder konzeptionelle Komposition. Das Trio wurde im Herbst 2019 mit dem Leipziger Jazznachwuchspreis ausgezeichnet.

 

Volker Heuken (vib), Maximilian Stadtfeld (dr), Lorenz Heigenhuber (kb) 



 

VVK 8/12 € zzgl. Gebühr bei Culton Ticket, AK 14/10 €

Montag, 23.03.2020
20:30 Uhr
Neues Schauspiel Leipzig
Root 70

Root 70

Mit »Nils Wogram’s Root 70«, 2001 bei 2nd Floor veröffentlicht, spielten sich Posaunist Nils Wogram, Hayden Chrisholm am Altsaxofon, Kontrabassist Matt Penman und Jochen Rückert am Schlagzeug erstmals gemeinsam in die Ohren geneigter Hörer*innen. Zwischenzeitlich sind seit Gründung der Band zwanzig Jahre vergangen. Anlässlich dieses Jubiläums ist die Band – mit Blick zurück und nach vorn – auf Tournee. Sieben Alben folgten dem ersten nach. Die jüngsten vier sind auf Wograms eigenen Label, nWog-Records, erschienen. In der Gründung eines eigenen Labels sah der 47-jährige die Möglichkeit eine „Stringenz“ zu verfolgen – langfristig auf die Entwicklung seiner Bands setzen zu können, ohne dabei kommerzielle Kompromisse eingehen zu müssen. Dieses Anliegen scheint insbesondere mit Root 70 mehr als geglückt. Widmete sich die Band auf »Wise Men Can Be Wrong« beispielsweise Jazz-Standards, um sich mit gewachsenem Können nochmals an Material zu erproben welches vermutlich viele Musiker*innen am Beginn ihrer Laufbahn begleitet, erweiterte die Band für »Riomar« sogar ihre Besetzung. Root 70 with Strings, in Anspielung auf Charlie Parker with Strings, gibt sich u.a. Einflüssen von Miles Davis’ »Birth Of The Cool« Mendelssohn und Alban Berg hin und schafft dabei kein Nebeneinander von Jazz-Quartett und Streichern, sondern ein gemeinsames, neu zu ergründendes Miteinander.

Es gelingt Root 70 sich immer wieder sich neu zu erfinden, ohne die Essenz ihres Zusammenspiels zu verlieren. Im Laufe der Jahre hat die Band einen unverwechselbaren Bandsound und eine eigene Sprache entwickelt deren Klang wir – live in Leipzig – mit Vorfreude erwarten.

 

Nils Wogram (tb), Hayden Chrisholm (as), Matt Penman (kb), Jochen Rückert (dr) 



 

VVK 18/14 € zzgl. Gebühr bei Culton, AK 20/16 €

Mittwoch, 25.03.2020
20:00 Uhr
Werkcafé im Kulturhof Gohlis
Kleine Helden #6 Wolfgang Schmid

Kleine Helden #6 Wolfgang Schmid

Von wegen „Kleine Helden“! Der 1948 in Stuttgart geborene Bassist rangiert schon eher in der Kategorie „Legende“. 
Wilde Soulmusik machte Schmid als Sänger und Gitarrist in unterschiedlichen Bands. Dann wurde der E-Bass sein Hauptinstrument. Er arbeitete als Tontechniker und stieg 1972 bei Passport, der Band des Saxofonisten Klaus Doldinger, ein. Ganz unterschiedliche Gruppen gab es im Lauf der Jahre, oft Trios mit E-Gitarre, Schlagzeug und Wolfgang Schmids unumstößlichen Bassfundament, etwa PARADOX mit Gitarrist Bill Bickford und Schlagzeuglegende Billy Cobham oder das Trio mit Cobham und Gitarrist Peter Wölpl. 1987 gründete Wolfgang seine Band KICK. Diese existiert in unterschiedlichen Besetzungen bis heute. Darüberhinaus war er in der Fernsehsendung »Super Drumming« Musical Director. Wer gerade 1:25 Minuten übrig hat könnte durchaus mal einen Blick in die von Pete York moderierte Sendung werfen. Einfach mal bei YouTube „awesome bass solo“ und Wolfgang Schmid suchen. „Ned schlecht“ würde man dazu wohl in Schwaben sagen. 



 

Wolfgang Schmid (b), Werner Neumann (g) 



 

VVK 12/8 € zzgl. Gebühr bei Culton, AK 14/10 €

Donnerstag, 26.03.2020
20:30 Uhr
UT Connewitz
Philipp Rumsch Ensemble »µ: of anxiety x discernment«

Philipp Rumsch Ensemble »µ: of anxiety x discernment«

Draußen, nachts im winternackten Wald – jeder Atemzug einer, der die Umgebung unerwartet aufwühlt. Lärmend peitscht gefrorener Matsch an die klappernde Fahrradkette, Reiher schrecken in den Wipfeln auf und auch ihr Flügelschlag nährt was im Dunkel ausharrt und uns erwartet. Angst. Diesem Gefühl unbestimmter innerer Enge widmet sich Pianist, Sound Designer und Komponist Philipp Rumsch auf seinem dritten Denovali-Release »µ: of anxiety x discernment«. Basierend auf Recherchen, Beobachtungen und selbstgeführten Interviews entwirft er mit seinem Ensemble ein multiperspektivisches Bild dieses Gefühlskomplexes. Rumsch möchte dabei fort vom individuellen Erleben der Angst, hin zum Ergründen der kollektiven Wahrnehmung dieses Phänomens. Erscheint nicht gegenwärtig und angesichts einer wachsenden politischen-und kapitalistischen Ausschöpfung der Angst, jenes einsame Herzklopfen, ausgelöst vom Vielleicht-Verborgenen im finsteren Geäst, nahezu wie ein romantisches Relikt früherer Tage? Das Ensemble, gegründet ausgehend von der Idee, die Klangsprachen von Ambient, Minimal Music und Avant-pop in ein orchestrales Format zu übertragen, besteht aus Musiker*innen aus Leipzig, Berlin, Dresden und Weimar. Letztmals erlebten wir das Ensemble 2018 während der 43. Leipziger Jazztage anlässlich Rumschs Auszeichnung mit dem Leipziger Jazznachwuchspreis – ebenfalls im UT Connewitz. Atmosphärische Klangflächen, gemeinsame Klangimprovisationen jenseits klassischer Improvisationsstrukturen, gebettet in die fantastische Kulisse des UT’s, ließen uns berückt zurück. Herzklopfen? Natürlich! Aus Vorfreude auf neue Einsichten und neue Musik des Philipp Rumsch Ensembles.

 

Lisa Zwinzscher (voc), Matti Oehl (as), Johannes Moritz (cl, bcl), Vincent Hahn (tp, flh), Antonia Hausmann (tb), Franziska Ludwig (vc), Volker Heuken (vib), Markus Rom (g), Paul Brauner (kb), Christian Dähne (b), Maximilian Stadtfeld (dr), Philipp Rumsch (p, synth, elec, ltg)

 

VVK 14/10 € zzgl. Gebühr bei Culton, AK 16/12 €

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