Poesie ist immer auch Musik, Rhythmus, Melodie. Es ist ja genau das, was sie über der alltäglichen verbalen Kommunikation schweben lässt. Das Gilgamesch-Epos, Homers Odyssee, die Dichtungen der keltischen Barden: alles Gesänge, die erst viel später Bücher wurden. Und der Jazz? Ist er nicht auf dem nährstoffreichen Boden von Blues und Shouts, Worksongs und Spirituals, schwarzer und weißer Volksmusik, also vokaler Musik entstanden? Hat nicht vieles in seiner Tonbildung mit dem Nachahmen der menschlichen Stimme durch die Bläser zu tun? 

»Jazz & Poesie« sind nicht zwei separate Künste, sondern eine hohe Kunst. Fragen Sie doch mal Jack Kerouac. „Ich möchte als Jazzdichter betrachtet werden“, würde er antworteten. Wenn er noch leben würde. Wie ein improvisierender Instrumentalist wollte Kerouac seine Ideen „von Chorus zu Chorus rollen“, mit Charles Mingus nahm er in den 50ern die Alben »The Clown« und »A Modern Jazz Symposium of Music and Poetry« auf, während die deutschstämmige Beat-Poetin Ruth Weiss in San Francisco mit Musikern live auftrat.

Auch in Deutschland standen zu der Zeit »Jazz und Lyrik« gemeinsam auf der Bühne, hüben wie drüben. Hier eine wahre »Lyrik – Jazz – Prosa«-Tradition mit den Jazz Optimisten Berlin und SchauspielerInnen wie Angelica Domröse, Eberhard Esche, Eva-Maria Hagen und – natürlich – Manfred Krug. Da der verspielte Ernst Jandl und mit Peter Rühmkorf, einem der wichtigsten deutschen Literaten nach 1945, einer, der Jazz als Musik der Befreiung erlebte, Verse im Boogie-Rhythmus schrieb, einen »Tuberkel-Blues« komponierte und eine Ode an Louis Armstrong dichtete. Zu Rühmkorfs Auftritten mit Michael Nauras Band kamen statt einer handvoll Bücherwürmer hunderte enthusiastische Beatniks: „Da war Zeitgeist in der Luft, so bestimmte atmosphärische Veränderungen, die bereits auf einen Umbruch in der Großwetterlage hindeuteten, die Jahre der Studentenrevolution.“

Zur MusikZeit 2019 spielen:

KUU! »Lampedusa Lullaby«. Es gibt Texte und es gibt Texte. Die von Jelena Kuljić gehören zur zweiten Sorte, zu der, die nicht nur geschrieben wird, sondern auf die Bühne drängt, ans Mikrophon und dahin, wo zwischen den Zeilen und drüber und drunter Gitarren und Schlagzeug mitschreiben dürfen. Stichwort: »Jazz & Poesie«. 

Kuljić ist Poetin, aber sie ist auch Schauspielerin und Sängerin, man könnte auch einfach sagen: ein Ereignis und das immer. Punk, Psychedelic Jazz, Surrealismus, Druck und – die Gegenwart (nicht zu verwechseln mit dem Alltag). Und die Gegenwart, die hat eben aus einer kleinen Mittelmeerinsel einen Symbolort der Flucht und des Sterbens gemacht. 

Dieses »Lampedusa Lullaby« wird garantiert niemanden in den Schlaf wiegen. Dafür werden Jelena Kuljić und ihre Band KUU! sorgen. Zu der gehören übrigens die Herren Kalle Kalima, Frank Möbus und Christian Lillinger. Manche kennen sie vielleicht.

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Nora Gomringer & Band. Die Gomringer und der Scholz, als ob das nicht schon mehr als genug wäre. Denken Sie nur an den grandiosen Auftritt der beiden zu den Jazztagen 2016 im Schauspielhaus! Aber nun ist's 2019 und man spielt heutzutage doppeltes Doppel. Oder auch Quartett, je nachdem, wie man’s sieht. Es ist jedenfalls ein richtiges Bandprojekt, mit dem die beiden nun zu viert Seienden uns im April beehren. Viele verschiedene Texte und Noras Lieblingssongs, die natürlich auch voller Poesie sind. Ist auch viel Heine dabei, Dorothy Parker, schwitzend, Jandl. Witzig, lakonisch, mal zart, mal hart. Die ganze Palette. Und eben Philip Frischkorn und Andris Meinig an Flügel und Kontrabass.

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Alfa Mist. Die brüchige Ästhetik asphaltgrau getünchten Stadtschmutzes offenbart sich nicht selten erst im mottenumschwirrten Licht der Nacht und häufig nur jenen, die, getrieben von der Abwesenheit des Schlafs, durch das Dunkel der Straßen streifen. Alfa Mist, aufgewachsen in East Ham London, gehört eigener Aussage nach zu ebenjenem Personenkreis. Der Produzent und Beat-Maker sammelt des nachts Eindrücke und verarbeitet seine Ideen in Stücken, die mühelos HipHop, Soul, Jazz durchqueren und mit Breakbeat und Grime liebäugeln. 

»Antiphon« hat Alfa Mist sein 2017 erschienenes Debütalbum genannt und der gewählte Titel spricht für sich: Sämtliche Tracks erweckten den Eindruck, als seien alle Beteiligten in ein reges Gespräch vertieft, in welchem man sich mitunter ausschweifend verliert und beinahe flüsternd wieder näher zueinander rückt, während um einen herum unbemerkt die Nacht hereinbricht.

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