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10.3.2010 : 17:19 : +0100

14. Leipziger Jazztage 1998 im Jahr der Friedlichen Revolution

Programm_14_LJT_1989.pdf

Jazz-Report_Dezember_1989.pdf

Ansage von Ernst Ludwig Petrowsky

Gedicht vorgetragen von Ernst Ludwig Petrowsky

1989 - Politische Situation im zeitlichen Umfeld der 14. Leipziger Jazztage vom 28. September bis 1. Oktober

15. Januar

  • Etwa 500 Bürger versammeln sich auf dem Marktplatz in Leipzig und forderten Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Nach einer kurzen Rede ziehen sie durch die Innenstadt. Die Polizei löst den Zug auf, 53 Menschen werden "zugeführt", wie kurzzeitige Verhaftungen im DDR-Amtsdeutsch hießen. Ausgelöst hatten diese erste, nicht genehmigte Demonstration der achtziger Jahre Flugblätter einer "Initiative zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft". Die Mitglieder verschiedener Leipziger Basisgruppen waren beim Verteilen der rund 10000 Exemplare beobachtet und verraten worden. Die Staatssicherheit verhaftete sie umgehend.

In den nächsten Monaten besuchten immer mehr Menschen die montäglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche, protestierten öffentlich gegen Umweltverschmutzung, kulturelle Bevormundung oder die blutige Niederschlagung der Studentenproteste in China. Bei der Kommunalwahl am 7.Mai 1989 gelang es an verschiedenen Orten erstmals, die Wahlfälschung der SED nachzuweisen.[2] Danach distanzierten sich auch viele, die bis dahin loyal zur SED gestanden hatten, vom System. Gleichzeitig verließen Zehntausende das Land in Richtung Westen. Auch diese Ausreiser sind ein wesentlicher, wenn nicht gar der wirksamste Teil der Oppositionsbewegung gewesen. Ende September eskalierten die Auseinandersetzungen, als Erich Honecker nach langer Krankheit den Dienst wieder aufnahm.


22. September

  • Vor dem Bezirkstag in Halle erklärt Volksbildungsministerin Margot Honecker, Mitglied des SED-Zentralkomitees, in ihrer Rede in Verkennung der Realität u. a.:. "( ... ) Die da so tun, als wäre nun die ganze Jugend auf der Wanderschaft in ihr wohlfeil dargebotenes, gepriesenes, gelobtes freies Land, denen wird unsere Jugend um so mehr und erneut zeigen, was sie kann, was sie will, sie wird auf dem Wege -zum XII. Parteitag, dessen sind wir sicher, mit ihrer Arbeit, ihren Ideen noch so manches vollbringen zur Stärkung unserer sozialistischen Heimat, worüber so mancher ,ins Staunen kommen wird(..)
    (ND, 23.124.9. 1989)
  • Nach einem Treffen zwischen DDR-Rechtsanwalt Prof. Wolfgang Vogel und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters in Bonn wird bekannt, daß die ersten Ausreisewilligen, die in der Berliner Ständigen Vertretung der BRD Aufenthalt genommen und sie dann freiwillig wieder verlassen hatten, Anfang Oktober in die Bundesrepublik ausreisen dürfen.


24. September

  • In Leipzig treffen sich Vertreter des Neuen Forum, des Demokratischen Aufbruchs, von Demokratie jetzt, der Vereinigten Linken und weiterer oppositioneller Gruppen.


25. September

  • Bärbel Bohley und Jutta Seidel vom Neuen Forum wird im Innenministerium der DDR mitgeteilt, daß "der Antrag auf Zulassung der Vereinigung abgelehnt wird". Als Begründung wird angegeben, es bestehe keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige Vereinigung.
  • In Leipzig demonstrieren nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche 5 000 bis 8 000 Menschen. Sie fordern Reformen in der DDR und Zulassung des Neuen Forum. Die Ausreisewilligen stellen zum ersten Mal eine verschwindende Minderheit der Demonstranten. Ein knappes Dutzend Teilnehmer wird vorläufig festgenommen.
  • Auf dem Gelände der Prager BRD-Botschaft halten sich fast 900 ausreisewillige DDR-Bürger auf, darunter etwa 200 Kinder. Die ständige Zunahme der Ausreisewilligen an diesem Ort erklärt sich unter anderem aus verschärften Kontrollen der CSSR an ihrer Grenze zu Ungarn, durch die illegale Grenzübertritte von DDR-Bürgern zunehmend verhindert werden.


26. September

  • Der Berliner Rechtsanwalt Prof. Dr. Wolfgang Vogel sowie die BRD-Staatssekretäre Walter Priesnitz und Jürgen Sudhoff, begleitet vom Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR, Franz Bertele, versuchen in der Prager BRD-Botschaft die inzwischen über 1000 Ausreisewilligen zur Rückkehr in die DDR zu bewegen. Vogel erneuert die verbindliche Zusage der DDR-Regierung, daß alle Rückkehrer innerhalb der folgenden sechs Monate in die BRD ausreisen dürfen. 200 DDR-Bürger nehmen das Angebot an und fahren in Bussen in die DDR zurück.


27. September

  • Eine Lösung für die rund 400 DDR-Ausreisewilligen, die sich in der Warschauer BRD-Botschaft aufhalten, sei "auf gutem Wege", erklärt ein Sprecher des polnischen Außenministeriums.


28. September

  • Dem von Rechtsanwalt Vogel dargelegten Angebot, nach Rückkehr in die DDR bereits in den nächsten Wochen in die BRD ausreisen und ihre Habe mitnehmen zu können, daß ebenso Familienangehörige übersiedeln dürfen und künftige Besuchsreisen in die DDR gestattet werden, folgen nur 50 der sich in Warschau befindenden ausreisewilligen DDR-Bürger.
  • In der Prager BRD-Botschaft halten sich über 2000 DDR-Bürger auf. Ihre Lage ist katastrophal. Am Rande der UNO-Vollversammlung in New York konferiert BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit seinen Amtskollegen aus der DDR, der UdSSR und der CSSR UdSSR-Außenminister Eduard Schewardnadse sagt zu, in "Kontakten mit anderen Regierungen" auf eine Verbesserung der Lage der DDR-Flüchtlinge in Prag hinwirken zu wollen.


2. Oktober

  • In Leipzig demonstrieren 15 000 bis 20 000 Menschen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche für Reformen in der DDR. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Auf beiden Seiten gibt es Verletzte. Mehrere Demonstranten werden festgenommen.
  • Gegenüber ADN äußert sich zu dieser Demonstration der amtierende Vorsitzende des Zivilsenats des Bezirksgerichtes Leipzig, KarlHeinz Matheiowetz, hinsichtlich rechtlicher Aspekte später: 

"( ... ) Er betonte, daß derartige Veranstaltungen anmeldepflichtig sind. Da für die Veranstaltung am 2. Oktober keine Genehmigung erteilt war, sei sie ungesetzlich gewesen. Nicht genehmigte Demonstrationen könnten durch die Ordnungskräfte der VP aufgelöst werden, Darüber hinaus sei nicht auszuschließen, daß die mit der Demonstration verbundenen Aktivitäten strafrechtliche Tatbestände erfüllen. Teilnehmende müßten nach den Grundsätzen des Zivilrechts auch voll für alle von ihnen angerichteten materiellen Schäden aufkommen."
(BZ, 10. 10. 1989) 


3. Oktober

  • Nach Bekanntwerden der Schließung der Grenze zur CSSR versammeln sich mehrere Tausend Menschen auf dem Dresdener Hauptbahnhof und protestieren gegen diese Maßnahme. In mehreren Städten, u. a: in Eisenach und Ruhla kommt es zu Arbeitsniederlegungen.  
  • Der Berliner Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi verfaßt im Auftrag von Bärbel Bohley und Jutta Seidel eine Eingabe an das Ministerium des Innern zur Nichtzulassung der Bürgerbewegung Neues Forum.  


4. Oktober

  • "in Übereinkunft mit der Regierung der ČSSR hat die Regierung der DDR entschieden, die Personen, die sich widerrechtlich in der Botschaft der BRD in Prag aufhalten, über das Territorium der DDR in die BRD auszuweisen. Dabei ließ sie sich vor allem von der Lage der Kinder leiten, die von ihren Eltern in eine Notsituation gebracht worden sind und die für deren gewissenloses Handeln nicht verantwortlich gemacht werden können. (...)"
    (ND, 5.10.1989)

Was der DDR-Zeitungsleser nicht erfährt ist, dass es sich um rund 7 600 DDR-Flüchtlinge handelt, die in verriegelten Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn über das Gebiet der DDR transportiert werden. Angeblich hatte sich die Ausreise "aus technischen Gründen" um einen Tag verzögert. In Wirklichkeit mussten Gleise und Bahnhöfe entlang der Strecke von Menschen geräumt werden, die auf die fahrenden Züge aufspringen wollten.

  • Zu schweren Zusammenstößen mit Sicherheitskräften der DDR kommt es am Dresdener Hauptbahnhof. Hier haben sich etwa 10 000 Menschen (Reisende, Ausreisewillige, Schaulustige) versammelt. Es kommt zu tätlichen Auseinandersetzungen und zu Verletzten auf beiden Seiten. Der Sachschaden am Bahnhofsgebäude, das mit Pflastersteinen beworfen wird, ist hoch.


5. Oktober

  • Die rund 600 DDR-Flüchtlinge, die sich in Warschau aufhalten, gelangen mit einem Sonderzug der Deutschen Reichsbahn nach Hannover.
  • Die etwa 200 DDR-BürgerInnen, die in der Prager BRD-Botschaft Zuflucht gefunden haben, nachdem tags zuvor die Sonderzüge in die BRD abgefahren waren, kehren in die DDR zurück mit. der Zusicherung, dass sie innerhalb der nächsten zwei Monate ausreisen dürfen.


6. Oktober

  • Im Berliner Palast der Republik findet in Anwesenheit von 4 000 geladenen Gästen aus der DDR und über 70 Delegationen aus dem Ausland die offizielle Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung statt. Festredner sind der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzende des DDR-Staatsrates, Erich Honecker, und Michail Gorbatschow, Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzender des Obersten Sowjets der UdSSR.
  • Honecker schildert die 40jährige DDR-Entwicklung als Erfolgsbilanz. In diesem Rahmen räumt er ein, "dass das Leben in unserem Lande wie auch die internationalen Ereignisse (...) in unserer Zeit Fragen (stellen), die der klaren Antwort (...) bedürfen".


7.Oktober

  • Michael Gorbatschow besucht die DDR zur Feier des ?40. Republikgeburtstages?. Er spricht vor der Presse über die Notwendigkeit von Reformen und erklärt: ?Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.? Gleichzeitig demonstrieren in vielen Städten der DDR Zehntausende für Meinungsfreiheit und Reformen. Die Demonstrationen werden durch Polizei und Stasi brutal aufgelöst und dabei über tausend Menschen "zugeführt".


9. Oktober

  • In Leipzig demonstrieren über 70 000 Menschen für eine demokratische Erneuerung der DDR mit dem Ruf "Wir sind das Volk - keine Gewalt", Sicherheitskräfte greifen erstmals nicht ein. Eine Woche später demonstrieren mehr als 120.000 Menschen in Leipzig. Erneut halten sich die Sicherheitskräfte zurück.


18. Oktober

  • Auf der 9. Tagung des Zentralkomitees (ZK) der SED wird Erich Honecker ?auf eigenen Wunsch? von allen Ämtern entbunden. Egon Krenz wird neuer Generalsekretär der SED. In einer Rede sagt er, dass die SED in den letzten Monaten die reale Lage verkannt habe. Die "Wende ist jetzt eingeleitet", doch ?der Sozialismus auf deutschem Boden? stehe nicht zur Disposition.

 

Quellen:

<cite>(www)infopartisan.net/archive/1989/chronik/ch891021.html</cite>

(www)bpb.de/themen/JUIZFR,0,0,15_Jahre_friedliche_Revolution.html

(www)ddr89.de/ddr89/chronik/1089/1089.html

(www)politische-bildung-brandenburg.de/programm/ausstellungen/archiv/wende_vonderwerth/chronik_1989.htm

 

 

 

 

 

O-Töne und Dokumente zu den 14. Leipziger Jazztagen vom 28.9.-1.10.1989

Recherche und Auswahl: Stephan Kämmerer

 

Leipzig, 28. September 1989, Filmbühne Capitol

 

Gerhard Schulz, Vorsitzender des jazzclub leipzig zur Festivaleröffnung:

 

"Ich möchte erst ein mal ein biss'l ein Gerücht entkräften oder zumindest erklären. Es ist was dran, dass die Einstürzenden Neubauten zu den Leipziger Jazztagen spielen sollten und spielen wollten. Aber da gibt?s noch andere und die waren der Meinung, sie könnten den Vertrag nicht abschließen, sie könnten die Band nicht vermitteln, weil das Haus zu klein ist. Man rechnete mit 20.000 Besuchern. Ich nicht, aber na ja. Wir sind seit zweieinhalb Jahren im Gespräch miteinander. Seit zweieinhalb Jahren versuchen wir in dieser Stadt was zu machen mit dieser Gruppe. Wir bleiben weiter dran, das nur dazu. Als nächstes, es tut mir leid das sagen zu müssen, aber Kashavan Maslak (Anm.: World Peace Duo, Maslak/Alperin,  USA/UdSSR) ist nicht da. Da ist irgend was schief gegangen, er hat sein Visum nicht gekriegt (höhnisches Lachen). Weiß der Teufel und ohne Visum geht?s nicht. Trotz noch mal Bemühen und - er sitzt wutentbrand  in Frankfurt am Main. Nicht so weit weg, es hilft uns aber nichts. ... So nun aber: Mein Dank, ich hab?s schon mal geschrieben im Programmheft, gilt natürlich dem Rat des Bezirkes, Abteilung Kultur, und der Bezirksfilmdirektion, die sich nach langem Zögern und Zähneknirschen, aber dann doch mit vollem Herzen, entschlossen haben, uns dieses Haus zu geben (Anm.: 1988 wurde die Leipziger Kongresshalle, in der die Leipziger Jazztage seit ihrer 3. Ausgabe 1978 regelmäßig stattfanden, baupolizeilich gesperrt. 1988 fand das Festival in einem Zirkuszelt statt, 1989 drohte das Festival in Ermangelung eines zur Verfügung stehenden Veranstaltungsortes ausfallen zu müssen). Mein Dank für diese Unterstützung gilt dem Rat der Stadt nicht, weil?s keine Unterstützung gab, schlicht und einfach. Das hat natürlich die Folge, dass wir hier so teure Preise haben, hat was mit der Stadt zu tun, mit den Kulturbauten in dieser Stadt, ich sag?s mal so, ich find? es ist ein Skandal, ganz einfach (Beifall). Gut ich meine, jeder kann seine Meinung haben, nicht? ..."

 

 

DDR-Nationalpreisträger Ernst-Ludwig Petrowsky als Einleitung zum Festivalauftakt mit dem internationalen Ernst-Ludwig Petrowsky Projekt (DDR/BRD/GB Petrowsky, Sachse, Rempel, Koch, Winckel, Haurand, Kellers, Oxley, Brüning):

 

"  ... nur eine Bitte: Das die mit der Sicherheit des Hauses beauftragten Genossen ihre Tonbänder und auch Tonbandköpfe cool halten, sauber halten, alles mitschneiden. Ich sage ihnen, also Euch - ich habe jetzt vergeblich versucht, den diensthabenden Offizier zu finden, er hält sich bedeckt (Beifall) - ich schneide das auch mit und ich erwarte, unprofessionell gemachte Zusammenkürzungen, die werden nicht laufen, ich werde die ganzen Zusammenhänge haben. Allerdings, wenn er clever ist schaltet er auch sein Scheiß-Tonbandgerät ab, das uns schon im Telefonnetz schwer zu schaffen macht, wenn wir mal  'nen  schönen Gruß zum Anderen sagen wollen, innerhalb - ich sag's jetzt mal - der Hauptstadt, da ist ja nur Störung. (Beifall) Weil, es geht heut Abend um Musik. Sie allein, für dem für die Stasi so gewohnten Theater des Multimedienscheißdrecks, wo man heute auch noch als Feuerschlucker auf die Bühne gehen muss, um drei Töne, die Charlie Parker in einem Bruchteil einer Sekunde gespielt hat, mussten solche Arschlöcher dort ?ne ganze dreistündige Veranstaltung machen. Das Ham wir nicht nötig, wir bezieh'n uns auf die Musik. (Beifall) Das andere Ding ist: Alle Texte die erklingen sind traditioneller Art oder dem Ministerium für Verteidigung entwachsen (Gelächter, Beifall). Insofern haben wir auch die Klarheiten völlig beseitigt. ... Und wir fangen an mit einem - die Genossen werden lange suchen müssen (Lachen) - ich meine damit eine Persönlichkeit des Fischlands - das erste  Lied heißt Fischlandlied und es ist gewidmet der Bodden-Resi. So jetzt fang' wir an. Gebt Euer Fernschreiben durch und macht das Fischland unsicher. Die Dame ist Krankenschwester und Genossin - ich nehme an, die macht dort das Licht aus."

 

"Zwischen Helga Hahnemann und Hermann Kant (Gelächter), ungefähr so - ich weiß nicht ob mehr zur Linken oder mehr zur Rechten, ich weiß auch nicht ob herunter sinkend oder hoch aufgerichtet, angesiedelt sind mit der Jazzmusike - auf jeden Fall, es gibt ja immer so kategorisierbare Eingemeindetheiten, in der wir uns nicht so sehr wohl fühlen, übrigens auch nicht in der im Programmheft angedeuteten Sponsorenrolle. Wir ham? uns eigentlich mehr oder weniger mit einem Trick hier in das Programm gedrängelt, weil das ganze eine Produktion des auch etwas zusammengefallenen Projektes "Jazz in der Kammer" - man spricht sogar von dem Gerücht sie wollen aufhören. Sie haben uns eigentlich zusammen gelockt und ich war denn des Skizzierens und Notenschreibens müde und hab' gedacht: wenn schon diese wahnsinnige Band, mit der ich mich so wohl fühle und nie wusste ob es ?ne Band würde - einmal im Leben, dann auch wenigstens zweimal auf der Bühne - und da hat natürlich der Leipziger jazzclub gleich zugegriffen. Und dann  ham' wir uns in die Rolle der Sponsoren - wir sind eigentlich 'n Geschenk, wir spielen umsonst, ich sag?s mal ganz, das andere stimmt, also was heißt hier keine Gage (Lachen, Beifall). Und deswegen hab? ich auch darauf bestanden, dass man mich hier als Nationalpreisträger verbratet, weil, von der an dem ganz kleinen goldenen Punkt hängenden Summe ich auch diese Jazzkapelle bezahlen werde..."

 

 

Leipzig, 1. Oktober 1989, Filmbühne Capitol

 

Eröffnung des Abschlusskonzerts der 14. Leipziger Jazztage, Gerhard Schulz:

 

"Also, ich will's gleich machen. Wenn ich mitten im Festival hier auftauche, dann gibt?s immer schlechte Nachrichten. Das ist so, leider Gottes. Es kommt in 'ner Stunde noch ein Zug, in dem vielleicht Ronald Shannon Jackson drin ist, (Pfiffe) ich glaub aber nicht mehr dran, dass er drin ist (Anm.: geplanter Festivalhöhepunkt und Abschlussact der 14. Leipziger Jazztage: Ronald Shannon Jackson & The Decoding  Society, USA). (Rufe: "Geld zurück!") Es gibt Geld zurück, ja ist richtig. Aber ich denke mir - ich will mich damit nicht rein waschen - aber ich denke, ein paar Erklärungen interessieren vielleicht. Ende August kriegte ich die Nachricht, Ronald Shannon Jackson will nicht kommen, weil er der Meinung ist, er könne nicht in ein Land fahren, wo Tausende ausreisen und wo an der Grenze geschossen wird. (Beifall) - Na ja, so toll find ich's nicht, so toll find ich's nicht. Er hat natürlich die Nachrichten gesehen, die von den amerikanischen TV-Stationen gesendet wurden. Wir haben dann lange telefoniert, verschiedene Leute mit verschiedenen Leuten und mit ihm und er war dann doch bereit zu kommen, allerdings wurde gesagt, wenn?s an der Grenze Schwierigkeiten gibt macht er kehrt und dann war's das. Am Mittwoch, jetzt am vergangenen Mittwoch krieg ich 'nen Telefonanruf von der Agentur von Ronald Shannon Jackson, die sagen, wir fahr'n jetzt los zu unseren Frankreich-Konzerten - es fehlt noch ein Visum. Wenn das bis Sonnabend nicht hier ist, dann versuchen wir es gar nicht erst. Wir haben Sonntag, Jackson ist nicht da, ich kann das nur vermuten, dass das Visum am Sonnabend nicht da war. Jetzt stehe ich natürlich hier und muss mir den berechtigten Zorn anhören, aber es ist einfach so, dass zwischen uns als Veranstalter und zwischen den Künstlern verschiedene andere Institutionen - oder arbeitende Gremien - gibt, die das alles machen (protestierende Zwischenrufe).  ..."

 

 

Schlussansage Werner Sellhorn:

 

"Die 14 Leipziger Jazztage sind zu Ende. Es gab einige Pannen, es gab einige Absagen, aber es gab sehr viel schöne Musik, so wie jetzt auch gerade zum Abschluss (Anm.: Amman Boutz, USA/BRD mit H.Hellhund, E.Jost, D.Manderscheid, J.Bonica). Dank an die Technik, dank an die ehrenamtlichen Mitarbeiter des jazzclub leipzig - auf Wiedersehen bis 1990!"

 

 

Kongress des Komitees für Unterhaltungskunst der DDR am 1. und 2. März 1989 in Berlin. Rede  von Ernst-Ludwig Petrowsky anlässlich der Verleihung des Nationalpreises (Ausschnitte der Rede werden im Konzertteil am 28.9.1989 eingespielt)

 

Inhalt der Rede von Ernst-Ludwig Petrowsky (Quelle: Deutsche Rundfunkarchiv): allgemeine Anmerkungen zum Kongress und zur Unterhaltungskunst in der DDR / über die schwierigen Bedingungen für Jazzmusiker in der DDR in den 50er und 60er Jahren und die positive Entwicklung bis zum Jahr 1989 / über die Auswirkungen staatlicher Förderung auf den DDR-Jazz und auf die Kreativität der Musiker / kritisiert die Veranstaltungspolitik der Konzert- und Gastspieldirektion im Zusammenhang mit Jazzkonzerten / nimmt Stellung zur Verleihung des Nationalpreises / über Erfahrungen mit Konzertreisen ins Ausland / über sein Verständnis von Musik als Möglichkeit

 

 

Jazzreport Nr. 40, Dezember 1989 (regelmäßige Publikation des jazzclub leipzig):

 

In eigener Sache

 

Dieses ist die erste Publikation des "jazzclub leipzig", die eine Druckgenehmigung erhält, ohne daß der Text von der mit der Genehmigung beauftragten Institution gelesen und dem Inhalt zugestimmt wurde.

Es muß aber gesagt werden, dass es in der gesamten Zeit keine schwerwiegenden Einsprüche gegeben hat, und wenn, dann wurden Formulierungen abgeändert, aber nichts am Inhalt. Ob das an der Größmütigkeit der "Zensoren" oder an der "Schere im Kopf" der Autoren lag, sei dahingestellt.

 

Gerhard Schulz