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8.9.2010 : 13:00 : +0200
09.09.10 21:00

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Künstlerportrait

Opernhaus - Transatlantic Freedom Suite Tentet
29.08.2009 19:30 -

33. Leipziger Jazztage

Transatlantic Freedom Suite Tentet (USA, FR, D, CH)

Wadada Leo Smith (tp, flh), Axel Dörner (sl-tp), Ernst-Ludwig Petrowsky (as),
Urs Leimgruber (ts, ss), Eckart Bormann (fg), Oliver Schwerdt (p), Barre Phillips (b), Michael Haves (b), Christian Lillinger (dr, perc), Günter Baby Sommer (dr, perc)

 

2 Kontinente, 4 Länder. 8 Jahrzehnte. 4 Generationen. 3 Paradigmatische Spielweisen.

 

Große Suite als befreiende musikalische Grenzöffnung mit akustisch-instrumentellen Experimenten


Idee des eigens für die 33. Leipziger Jazztage initiierten Projektensembles Transatlantic Freedom Suite Tentet ist es, auf spezielle Weise an die Friedliche Revolution im Leipziger Herbst 1989 zu erinnern, an das Streben nach Freiheit im gesellschaftlichen Zusammenleben. Korrespondieren doch mit dem vor 20 Jahren demonstrierten Freiheitsgedanken in besonderer Weise die freien musikalischen Ausdrucksweisen von Jazz und improvisierter Musik: grenzüberschreitend - Konventionen aufbrechend und kulturelle Schranken überwindend - sowie individuelle Künstlerschaft zu neuer musikalischer Qualität im Ensemble zusammenführend. Ein Blick in die Jazzgeschichte zeigt, Spielen und Hören von Jazzmusik kann mehr als "nur" ein Klangerlebnis sein. John Coltrane, Sonny Rollins, Charles Mingus, Sun Ra, Abbey Lincoln, Max Roach... haben ihre Musik mit einer politischen Botschaft verbunden.

Die Leipziger Jazztage wollen in ihrem 33. Jahrgang mit dem Projektensemble auch im Bewusstsein halten, dass sie von Anfang an nicht nur für musikalisch hochkarätige Beiträge standen, sondern auch für nonkonformistische gesellschaftliche Strömungen einer alternativen, von den ostdeutschen Obrigkeiten beargwöhnten Gegenkultur.

Zum Geschehen von 1989 hat das Festival einen besonderen Bezug. Die spannungsgeladene Stimmung des Leipziger Herbstes war auch im Vorfeld der Friedlichen Revolution während der 14. Leipziger Jazztage 1989 in der letzten Septemberwoche allenthalben zu spüren. Überall absurdes Agieren staatlicher Organe. Kurz vor Öffnung der Grenzen in Europa kam infolge von Visaproblemen der bis zuletzt erhoffte Auftritt des US-amerikanischen Schlagzeugers Ronald Shannon Jackson nicht zustande. Die Einreise des World Peace Duo mit Saxofonist Keshavan Maslak (USA) und dem sowjetischen Pianisten Mikhail Alperin wurde verhindert. Ein geplantes Auftreten der Westberliner Band Einstürzende Neubauten war schon vor dem Festival von DDR-Funktionären mit fadenscheiniger Begründung abgeblasen worden. Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky - Mitglied des diesjährigen Ensembles - drückte während seines Konzertes auf der großen Bühne in der Leipziger Filmbühne Capitol sein Missbehagen über die Lage im Lande aus und sprach dabei über Abhörpraktiken der Stasi. Atemloser Stille im Saal folgte befreiter Jubel des Jazztage-Publikums. Auswärtige Musiker waren bei der nächtlichen Festival-Abschlussfeier von der Offenheit und Konsequenz der Diskussion über die aktuelle politische Situation überrascht. Einige verlängerten kurzfristig ihren Aufenthalt und nahmen zusammen mit Festivalorganisatoren am 2. Oktober 1989 beeindruckt an der Montagsdemonstration von etwa 15 000 Menschen teil.

Nicht von ungefähr steht das Wort Freedom im Namen der Festivalband. Ist doch für das Schaffen ihres Leiters Günter "Baby" Sommer das 1960 von Max Roach aufgenommene Konzeptalbum We Insist! Freedom Now Suite ein künstlerisch-gesellschaftlich motivierendes Schlüsselerlebnis. Anknüpfend an die Freedom Suite von Sonny Rollins (1958) hatte Max Roach damit die politische Botschaft der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf überzeugende Weise zum Ausdruck gebracht.

Musikalisch repräsentiert das Transantlantic Freedom Suite Tentet die transatlantische Verortung des zeitgenössischen Jazz und bezeugt die Komplexität seiner kreativen Entwicklung bis in die Gegenwart. 1933 und 1984 sind die Geburtsjahre des ältesten und des jüngsten Musikers des Ensembles. Vier Generationen finden sich hier zusammen, um die Freiheit einer gegenwartsbezogenen und zukunftsweisenden Musik zugestalten.

Die Bewegung des Free Jazz in den USA konzentrierte sich auf zwei urbane Zentren. Zunächst auf New York, später auf Chicago. Nach einer ersten Phase, in der Melodie, Harmonie und Metrum energetisch derart gesteigert wurden, dass die dynamisierenden Kräfte die traditionellen Formen entgrenzten (Paradigma I), ließen die dann entfesselten Klänge während einer zweiten Phase eine atemberaubend neuartige Musiklandschaft entstehen (Paradigma II). Die aus dem Moment heraus geborenen, allein den musikalischen Impulsen der Mitspieler folgenden Kollektivimprovisationen eröffneten auch dem unbegleiteten Solisten weite Entfaltungsräume.

Barre Phillips (*1934) war 1965 als Kontrabassist im Ensemble des Coltrane-Jüngers Archie Shepp einer der Aktivisten der New Yorker Szene. Trompeter Wadada Leo Smith (*1941) wurde neben Anthony Braxton zu einer zentralen Figur des Chicagoer Kreises. Beide Phasen haben sich in Europa fortgepflanzt. Barre Phillips ließ sich sogar in Südfrankreich nieder. Aber auch und gerade im Osten Deutschlands ? dem Paradies des freien Jazz ? erhielten sowohl der expressive Dynamismus als auch der Klangreichtum einer fragmentierten, sich im Transitorischen immer wieder neu strukturierenden Musik unüberhörbare Prägnanz.

Schon zu den 1. Leipziger Jazztagen 1976 - die sich seitdem verpflichtet fühlen, immer wieder auch neue musikalische Entwicklungen aufzuspüren - waren sowohl Ernst-Ludwig Petrowsky (*1933; Deutscher Jazzpreis 1997)  als auch Günter "Baby" Sommer (*1943; Kunstpreis der DDR 1985) zu hören. Beflügelte Petrowsky in dieser Zeit die einige Jahre zuvor in New York mit dem Saxofon in Bewegung gesetzten Tonfolgen zu glissandierenden Klangbändern, so ließ Sommer wenig später die verdichtenden Spielprozesse hinter sich, um mit erweitertem Schlagwerk in bisher ungeahnte Klangbereiche vorzudringen. 

Von Coltrane aus lässt sich die Europäisierung des Jazz bezüglich des Saxofonspiels über Evan Parker bis zum Schweizer Urs Leimgruber (*1952; Kunst- und Kulturpreis Luzern 2003) verfolgen: die expressiv-fragmentarische, zunehmend komplexere Form sucht nach Ausgleich in einer mehr und mehr reduktiven Ästhetik.

Trompeter Axel Dörner (*1964; SWR-Jazzpreis 2006) zeigt dies durch seine Kultivierung nicht bloß frappierender Geräusche, sondern vielmehr differenzierter Rauschfelder. Die Entwicklung der Trompete von einem einfachen Signal- und Melodieerzeuger zum Instrument faszinierender Hörflächen, zeugt von der unbestechlichen Innovationskraft des Jazz (Paradigma III).

Kontrabassist Michael Haves (*1978; Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste 2005), Pianist Oliver Schwerdt (*1979; Leipziger Jazznachwuchspreis 2006) und Schlagzeuger Christian Lillinger (*1984; Preisträger des Internationalen Improvisationswettbewerbs Leipzig 2000) haben durch ihre vielfältige Zusammenarbeit mit maßgeblichen Exponenten des zeitgenössischen Jazz wertvolle Spielerfahrungen gesammelt, welche sie befähigen, die innovative Tradition dieser Musik fortzuschreiben.

Als Solitär des Ensembles stellt der erfolgreiche Fagottist Axel Andrae (*1965; Preisträger der internationalen Wettbewerbe Toulon, Manchester, Markneukirchen) einen Bezug zur komponierten zeitgenössischen Musik dar, die seit Jahrzehnten produktiven Einfluss auf die Entwicklung des Jazz nimmt.

Die Musiker des Transantlantic Freedom Suite Tentets finden aus langjährigen Erfahrungen heraus zu neuen ästhetischen Orientierungen und entfalten ein Netzwerk, mit dem Unerhörtes hörbar wird. Dabei entsprechen die musikalischen Bezüge der Akteure zueinander früheren kollektiven Erkundungen. Chronologisch wie stenographisch überblickt, bietet sich folgende beeindruckende Vorgeschichte des Tentets: seit 1974 arbeiten Ernst-Ludwig Petrowsky und Günter Sommer zusammen; seit 1979 Leo Smith und Günter Sommer; seit 1988 Barre Phillips und Günter Sommer; seit 2001 Barre Phillips und Urs Leimgruber; seit 2002 Oliver Schwerdt und Günter Sommer; seit 2004 Urs Leimgruber, Oliver Schwerdt und Christian Lillinger; seit 2005 Barre Phillips und Leo Smith; seit 2005 Günter Sommer, Christian Lillinger und Michael Haves; seit 2006 Ernst-Ludwig Petrowsky, Christian Lillinger und Oliver Schwerdt; seit 2008 Urs Leimgruber, Axel Dörner und Christian Lillinger.

Lebenserfahrung verdichtet sich im Jazz, amerikanische mit europäischen Bewegungen in zeitgenössisch improvisierter Musik. Eigenheiten von vier nationalen Szenen verbinden sich mit Charakteristika von vier Generationen. Die Multidimensionalität des Jazz wird realistisch integriert.

 

                                                                                Steffen Pohle / Oliver Schwerdt