Geschichte des Jazzclub Leipzig e.V.
Wie es anfing
Die Geschichte des Jazzclub Leipzig beginnt offiziell zwar erst im Spätsommer des Jahres 1973, doch ist es wohl unbedingt notwendig, schon an Aktivitäten von jazzbegeisterten Leipzigern vor jener Zeit zu erinnern. Bereits Anfang 1972 begann man eine Veranstaltungsreihe zu organisieren, die dem steigenden Interesse am Jazz Rechnung tragen sollte. Verfechter einer solchen Idee waren die Vorsitzende der SBL Nord des KB der DDR, Bdfdn. Ursula Espig, sowie deren langjähriges Leitungsmitglied Sigurd Rosenhain. Der Leipziger Bildjournalist, Jahrgang 1927, war schon seit langem als Jazzfotograf aktiv gewesen und zeichnete 1970 für die erste Jazzfotoausstellung nach 1945 in Leipzig verantwortlich. Auch hielt er schon kontinuierlich Jazzvorträge, meist im Rahmen des Kulturbundes. So nimmt es kaum Wunder, dass gerade Bundesfreund Rosenhain angesprochen wurde, und er erklärte sich auch sofort bereit, die Gestaltung einer solchen Vortragsreihe zu übernehmen. Die Einleitungsveranstaltung zu dieser ständigen Folge „Jazz im Klub“ fand am 24. Februar 1972 im Klubhaus „Heinrich Budde“ in der Lützowstraße, dessen Träger der Betrieb VTA Leipzig ist, statt. „Entstehung des Jazz“, „Berühmte Big Bands des frühen Jazz“, „Der Be-Bop“ lauteten u.a. die Themen der späteren Vortragsabende. Zur musikalischen Unterstützung war inzwischen der Jazzfreund Klaus Hesse hinzugekommen, der ebenfalls schon zuvor mit Vorträgen (u.a. im Jazz-Zirkel „Bessie Smith“) den Jazz und seine Entwicklung propagiert hatte.
1973
Nach dem sechsten derartigen Vortragsabend im Juni 1973 kam man zu der Erkenntnis, dass bedingt auch durch das große Interesse beim dankbaren Publikum, diese Veranstaltungsreihe auf eine neue qualitative Stufe gestellt werden sollte. „Jazz im Klub“ fand ja eher unregelmäßig und thematisch an kein spezielles Programm gebunden statt. Mit der Gründung einer Interessengemeinschaft sollte eine kontinuierliche Arbeit besser möglich sein. Schon während der vorherigen „Jazz im Klub“-Abende hatten sich Interessenten gemeldet, die sich für eine solche Arbeit in einem Freundeskreis engagieren wollten. Erst Antragsformulare wurden ausgegeben und schließlich wurde es ernst: Am 30.August 1973 traf sich eine vom Kulturbund kommissarisch eingesetzte Leitung zu einer Beratung in der Elsterstraße, um im Kulturbunddomizil die Gründung des „Freundeskreis Jazz“ zu beschließen und sich über den Ablauf der Gründungsveranstaltung zu einigen. „Coleman Hawkins – Vater des Tenorsaxophons“ war der Titel des Vortragsabends am 13. September 1973, der wiederum im Kulturhaus „Heinrich Budde“ stattfand. 40 Besucher, darunter viele junge Leute zwischen 20 und 30, waren an jenem Abend zugegen, und keiner ahnte wohl damals etwas von der Bedeutung, die diese Geburtsstunde des Freundeskreises Jazz für die Jazzszene der Stadt und darüber hinaus haben sollte. Doch wollen wir noch einmal genauer an diese erste Veranstaltung erinnern: Die Vorbereitung, was besonders die Werbung und Saalausgestaltung betraf, lag in den bewährten Händen von Sigurd Rosenhain und in einem Infoblatt, dem auch ein Aufnahmeformular des jüngsten Sprosses des Kulturbundes beigefügt war, konnte man lesen, mit der Gründung des FK Jazz „soll dem Jazz in unserer Stadt ein fester Platz im kulturellen Leben gegeben“ werden. Um 20.00 Uhr wurde die Veranstaltung mit einer Ansprache der Vorsitzenden der SBL Nord des KB, Bundesfreundin Espig, eröffnet. Sie wies darauf hin, dass es der erste derartige FK in Leipzig sein würde und wünschte allen Mitgliedern und Gästen bei den zukünftigen Veranstaltungen erbauliche und lehrreiche Stunden. Danach folgten grundsätzliche Ausführungen über Aufgabenstellung, Zielsetzung und Arbeitsweise des FK Jazz durch Sigurd Rosenhain. Es schloss sich die feierliche Übergabe der ersten 12 Mitgliederausweise an jazzinteressierte Damen und Herren an, von denen sich 8 für eine Arbeit in der zukünftigen Leitung bereit erklärten. Während das eigentliche Jazzereignis des Abends, der Vortrag über Leben und Wirken Coleman Hawkins, in den Händen von Klaus Hesse lag, klang die Veranstaltung mit der Beantwortung von Fragen und Problemen aus. Dafür, wie auch für die abschließenden Worte zeichnete noch einmal Jazzfreund Rosenhain verantwortlich. „Die Gründung des Freundeskreises Jazz Leipzig ist eine erfreuliche Bereicherung des Jazzlebens in unserer traditionsreichen Musikstadt und entspricht auch einem langgehegten Wunsch zahlreicher Jazzliebhaber und -interessenten. … Das besondere kulturpolitische Anliegen besteht in der Heranführung der jungen Menschen an den Jazz … und das zutiefst humanistische und völkerverbindende dieser großartigen Musik zu verstehen.“ So und ähnlich fiel das Resümee nach diesem Abend aus. Drei Wochen später fand die erste Zusammenkunft und gleichzeitige Konstituierung der Leitung statt, in deren Verlauf die Aufgaben folgendermaßen verteilt wurden: Gerd Gleßmer sollte den Vorsitz führen, Klaus Hesse sein Stellvertreter sein, weitere Mitglieder waren Steffen Hempel, Wolfhard Röhlig und Sigurd Rosenhain. Der ersten Revisionskommission gehörten Wieland Jung und Hans Bergerhoff an, wenig später stieß noch Peter Krautkrämer hinzu. Es wurde die Gründungsveranstaltung ausgewertet und man plante die kommenden Veranstaltungen. So gestaltete Klaus Hesse am 25. Oktober einen Clubabend mit dem Thema „Dixieland Revival“ und am 9. November traf man sich natürlich weiterhin im KH „Heinrich Budde“, zu einem Abend, dessen Leitung Wolfhard Röhlig übernommen hatte, und an dem Mitglieder eigene Aufnahmen aus ihrem eigenen Archiv zur Diskussion stellten. In der zwei Tage vorher stattgefundenen Sitzung hatte die Leitung im Verein mit der damaligen Instrukteurin der Stadtleitung des Kulturbundes, der Bundesfreundin Ursula Lanzke, die Stellung des FK Jazz als selbstständige Grundeinheit innerhalb der SBL Nord des KB präzisiert. Dass zu dieser Zeit nicht in allen Punkten eine einheitliche Meinung herrschte, soll hier nicht unerwähnt bleiben. So zog sich leider der verdienstvolle Sigurd Rosenhain aufgrund von Differenzen schon kurze Zeit später aus der Leitung wieder zurück.
1974
Das Jahr 1974 begann mit einem Vortrag Klaus Hesses zum Thema „Cool Jazz“ der durch die Einbeziehung von Dias noch an Authentizität gewann. In der Folge fanden weitere Klubabende und Vorträge statt, die zum einen öffentliche waren, zu anderen nur für Mitglieder gedacht waren. Inzwischen war die Mitgliederzahl bereits auf 35 gewachsen. So entschloss man sich auf der Leitungssitzung vom 18. April zum Anlegen einer Mitgliederliste, die man sicher als Vorläufer unserer inzwischen unentbehrlichen Mitgliederkartei betrachten kann. Die Leitung war sich auch einig, dass die Klubabende und Vorträge wichtiger und bis dato einziger Bestandteil der praktischen Arbeit seien, dass man sich aber bemühte, auch erste Veranstaltungen mit Livemusik zu organisieren. So wurden enge Verbindungen zur Gruppe „SUM“ angeknüpft, und deren Pianist Reinhard Bohse wurde sogar vorübergehend Mitglied der Leitung des FK Jazz. Man schlug auf der Sitzung vom 13. Juni vor, die Veranstaltung aus Anlass des einjährigen Bestehens des Freundeskreises mit Livemusik zu gestalten. Ursprünglich für den 12. September geplant, dann jedoch auf den 28. desgleichen Monats verschoben, wurde sie ein großer Erfolg und von Mitgliedern wie Gästen und auch allen Musikern dankbar aufgenommen. „Jazz bis Mitternacht“ hieß dieser Abend im Klub der Intelligenz und auf der Bühne konnten sich die spielfreudigen Aktiven der Leipziger Jazzenthusiasten, der Hartenfels Spiritual Singers und (natürliche!) der Gruppe „SUM“ präsentieren. Kurze Zeit später übertrug man Wolfhard Röhlig die Leitung des FK Jazz und unter seiner Regie wurden die nächsten Vorhaben in Angriff genommen: Neben weiteren Vorträgen und einem Klubabend die Durchführung der zweiten Veranstaltung „Jazz bis Mitternacht“ (diesmal mit der Gruppe von Rudi Thiele) am 14. Dezember.
Unsere Gäste des Jahres 1974 im Überblick
28. September, Klub der Intelligenz
SUM: Detlev Werther (tp), Bernd Schumacher (as), Reinhard Bohse (p), Eberhard Amende (b), Reinhard Berger (dr)
Hartenfels Spiritual Singers: Peter Buhl (ld), Udo Bayer, Werner Franta, Wolfgang Hübner, „Jäcki“ Lehmann, „Eddie“ Schubert, Werner Schubert, Wolfgang Schubert (jeweils voc)
Leipziger Jazz Enthusiasten: Harry Thurm (cl, bass sax), Paul Vincent Kuroka (tp), Bernd Schumacher (tb), Werner Thurm (cl, as), Udo Bayer (bj, voc), Gerd Mucke (dr), Eberhard Amende (b)
14. Dezember, Klub der Intelligenz
Dixieland Company Leipzig: Rudi Thiele (tb), Volker Stiehler (tp), Dr. Fritz Herzog (cl), Günter Stiehler (b), Johannes Erler (bj, g), Rolf Gerischer (dr)
1975
Auf unserer Mitgliederversammlung am 30. Januar fand eine Bestandaufnahme der bisher geleisteten Arbeit statt. Man bilanzierte, dass in den 16 Monaten des Bestehens des FK Jazz insgesamt 11 Vorträge, 8 Diskussionsabende sowie zwei Live-Abende stattgefunden hatten mit dem Resultat, dass inzwischen schon 86 Mitglieder mehr oder weniger aktiv am Geschehen des Freundeskreises beteiligt waren. Im Rechenschaftsbericht der Leitung war dann auch folgendes zu hören: „… Das Ziel der damaligen Arbeit bestand vor allem darin, den Jazz einem breiten Publikum zugänglich zu machen und Vorurteile weitestgehend abzubauen. … Es ist vor allem Bundesfreund K. Hesse an dieser Stelle zu danken, dem es durch die von ihm gestalteten Vorträge gelang, dieses Anliegen in die Praxis umzusetzen …
… Die Erfahrung des Jahres 1974 lehrte uns, dass die Arbeit des FK Jazz nicht ausschließlich aus Vorträgen und Diskussionsabenden bestehen kann. Erste Anregungen zur Erweiterung der Arbeit kamen von der Formation SUM, die auf Kontinuität hinarbeitenden Leipziger Jazzclubs seien darüber nicht vergessen.
… Der FK Jazz hat einen festen Platz im Kulturerleben der Stadt Leipzig und trägt wesentlich zu dessen Bereicherung bei"
Kernstück unserer Aktivitäten im Jahre 1975 waren vier Veranstaltungen der Reihe „Jazz bis nach Mitternacht“ in der HOG Elstertal. Dabei bildete besonders die Veranstaltung am 11. Juni einen Höhepunkt. Vor 400 Personen traten dort neben SUM auch die Musiker der Manfreds Schulze Formation auf. Im Oktober folgte dann eine Oldtime-Jam Session und schließlich war im Dezember `75 auf der Bühne des Elstertals in der Rödelstraße wieder der Modern Jazz präsent: Mit Media-Nox aus Greiz sowie der Gruppe FEZ stellten sich zwei der interessantesten Bands jener Zeit bei uns vor. Von besonderer Wichtigkeit sollte auch sein, dass Heinz-Jürgen Lindner in jenem Jahr in die Leitung kam, der dank seines Fachwissens und seiner Persönlichkeit den Freundeskreis enorm beeinflussen und später ja dann für lange Jahre zielstrebig und konsequent führen konnte.
Unsere Gäste des Jahres 1975 im Überblick
11. Juni, Elstertal
Manfred Schulze Formation: Schulze (bass), Jürgen Költzsch (tp), Johannes Bauer (tb), Manfred Hering (as), Helmut Sachse (g), Christoph Winkel (b), Wolfram Dix (dr)
SUM: Bernd Schumacher (as), Volker Stiehler (tp), Reinhard Bohse (p), Eberhard Amende (b), Reinhard Berger (dr)
16. September, Elstertal
Jam Session mit SUM
3. Oktober, Elstertal
Jenaer Dixi Stompers
Leipziger Jazzenthusiasten: Harry Thurm (cl, bass sax), Paul Vincent Kuropka (tp), Schumacher (tb), Werner Thurm (cl, as), Udo Bayer (bj, voc), Amende, Gerd Mucke (dr)
12. Dezember, Elstertal
FEZ: Konrad Bauer (tb), Hannes Zerbe (p), Christoph Niemann (b), Peter Gröning (dr)
Media-Nox: Rudolf Kuhl (ts), Andreas Barth (tp), Klaus-Peter Uhlmann (as, vi), Jürgen Kornatz (fl), Hermann Losch (p), Vetterlein (dr)
1976
Mit dem Datum 1. Januar 1976 verbunden ist ein Wechsel des FK Jazz in seiner SBL-Zugehörigkeit. Nunmehr der SBL Südwest zugehörig, ergaben sich noch bessere Möglichkeiten der Unterstützung für unsere Grundeinheit.
Da die HOG Elstertal ja zum Stadtbezirk SW gehörte, war das auch in dieser Hinsicht ein logischer Schritt. Eine Aktennotiz jener Zeit kann das auch unterstreichen: „Mit Unterstützung der Staatlichen Kulturhäuser Leipzig-Südwest gelang es hier, die Potenzen des FK Jazz voll aufzudecken und profilierte Musiker der DDR einzuladen. Die Publikumsresonanz (was diese Live-Veranstaltungen betraf – d.R.) war außerordentlich gut und schlug sich sofort in einer weiter steigenden Mitgliederzahl nieder!“ und weiter: „Der FK Jazz geht davon aus, dass es bisher keine regelmäßige Veranstaltungsreihe in der Stadt Leipzig gibt, die den Jazz in geeigneter Weise pflegt.“ Von nun an fanden auch die Vorträge und Klubabende in den Nebenräumen des Elstertals statt, so dass damit die ideale Heimstatt für unseren Freundeskreis gegeben war. Zu den auch im Jahre `76 durchgeführten vier Veranstaltungen der Reihe „Jazz bis nach Mitternacht“ gesellten sich weitere Abende mit Livemusik unter dem Titel „Jazz am Mittwoch“. Beide Reihen präsentierten den Jazz in all seiner Vielfalt, vom Oldtime bis zum frei improvisierten Jazz. Dabei trat neben einer Vielzahl lokaler Musiker und führender DDR-Jazzer mit dem tschechoslowakischen Sänger Peter Lipa auch der erste internationale Gast auf. Besonders die als Session gedachten Veranstaltungen zeichneten sich durch rege Teilnahme von Musikern der Stadt und der näheren Umgebung aus, so dass man teilweise ein rechtes Gedränge auf der Bühne des Elstertals beobachten konnte.
Unsere Gäste des Jahres 1976 im Überblick
11. Februar
Jazz am Mittwoch: Session mit SUM: Bernd Schumacher (as), Detlev Werther (tp), Reinhard Bohse (p), Eberhard Amende (b), Jochen Hohl (dr)
3. März
Jazz am Mittwoch: SUM
25. März
Jazz bis Mitternacht (Modern)
14. April
Jazz am Mittwoch: Session
15. Mai
Jazz am Mittwoch: Session
27 Mai
Jazz bis Mitternacht (Oldtime)
9. Juni
Jazz am Mittwoch: Session
15. September
Jazz am Mittwoch: Joe Sachse Quartett: Helmut „Joe“ Sachse (g, fl), Manfred Hering (ts, as), Christoph Winckel (b), Wolfram Dix (dr)
24. September
Jazz bis Mitternacht (Modern): FEZ-Kooperation Peter Lipa (CSSR)
13. Oktober
Jazz am Mittwoch: Session
10. November
Jazz am Mittwoch: Gries Formation, Halle
10. Dezember
Jazz bis Mitternacht:
Media Nox: Rudilf Kuhl (ts), Andrea Barth (tp), Klaus-Peter Uhlmann (as, vi), Jürgen Kornatz (fl), Hermann Losch (p), Vetterlein (dr)
Joe Sachse Quartett







